Deutschland auf der Suche nach politischen Perspektiven: Der Internet-Jahresrückblick 2013

167201-3x2-article620Ich hatte bereits 2012 die Hoffnung für das deutsche Volk begraben. Die Internet-Suchhistory von 2013 hat mich nur in meiner Erkenntnis bestärkt. Auch der letzte Funken Hoffnung für den kollektiven Zeitgeist der Deutschen ist jetzt in mir erloschen. Wir, das Volk der Dichter und Denker — und Nörgler — haben unsere letzte Chance verspielt, auf den Weg der Tugend zurückzufinden und im Wahljahr 2013 unseren demokratischen Einfluss zurückzufordern. Stattdessen sind wir dem Ruf der Bundeszentrale für Politische Bildung gefolgt, haben dem Wahl-o-Mat gelauscht — und brav Mutti gewählt. So belegt es zumindest die Internet-Suchhistory von 2013.

Im Jährlichen Ranking auf Google Zeitgeist, wurde der „Wahl-O-Mat“ zum am meisten gesuchten Wort des Jahres erhoben. Obwohl seit Sokrates’ Zeiten der Jugend der Verfall der Tugend angetragen wird, lässt sich hiermit beweisen, dass den jungen Menschen Politik eben nicht egal ist. Wer daraus aber den Schluss zieht, wir hätten zu neuer politischer Kompetenz gefunden, könnte nicht falscher liegen. Die Erhebung von Wahl-O-Mat zum Suchwort des Jahres ist kein Beweis für die neu gefundene politische Eigenverantwortung der Deutschen, sondern der Beweis für deren Nicht-Existenz. Während wir früher noch an politische Ideale glaubten, uns nach rechts oder links orientierten — in einer Welt als diese Begriffe noch Bedeutung hatten — haben wir heute die Entscheidung an eine App outgesourced. Ein Kreuz auf dem Wahlschein macht der Deutsche nicht ohne vorher HAL 9000 um Rat gefragt zu haben. Dies kann nur auf die völlige Gleichgültigkeit an der Politik zurück geführt werden. Das Einzige was jetzt noch gilt ist: Dabei sein ist alles.

Google Zeitgeist
die meist gesuchten Begriffe in Deutschland 2013

  1. Wahl-O-Mat
  2. Immobilien Scout
  3. Paul Walker
  4. iPhone 5s
  5. Dschungelcamp 2013

Dies belegt auch die aus der Wahl folgende Große Koalition: jeder möchte und darf in der aktuellen Legislaturperiode mitmischen. Das ist ganz im Sinne des deutschen Volkes. #GroKo wurde also nicht umsonst von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gekürt. Eine Organisation, die die Zeichen der Zeit erkannte. Es bleibt bloß zu hoffen, dass der Wahl-O-Mat auch in Zukunft kostenlos ist. Denn dem Deutschen ist zwar der Anruf bei The Voice immerhin 50 Cent wert. Ob dies auch für die Bundestagswahl zutrifft lässt sich nur mutmaßen.


Wörter des Jahres 2013

  1. GroKo
  2. Protz-Bischof
  3. Armutseinwanderung
  4. Zinsschmelze
  5. Big Data

Während 2012 auf Wikipedia noch „Sackgasse“ der meistgelesene Artikel des Jahres war, ist es dieses Jahr der “Nekrolog 2013”. Also die Liste der in 2013 gestorbenen Personen. Einen düsteren Ausblick könnte es für 2014 nicht geben: Fast & Furious-Star Paul Walker ist bekanntlich ironischerweise bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der legendäre Ronald Biggs hinterlässt nur Erinnerungen an den größten Postzug-Raub aller Zeiten und außerdem starb Jean-Luc Benoziglio, ohne dass ich es überhaupt zur Kenntnis nahm. Der einzige Grund, warum ich ihn hier erwähne ist, dass ich beim Durchscrollen des Nekrologs an seinem Vornamen hängen blieb, weil sein Namensvetter mal Captain auf der Enterprise D war. Cory Monteith gab sich bereits Mitte des Jahres den Golden-Shot und katapultierte sich so, obwohl er nur dank ein paar Cover-Versionen bekannt gewesen war, auch auf Platz vier der internationalen Jahresabschluss Hitparade von Google.

Wikitrends
die meist besuchten Wikipedia-Artikel in Deutschland 2013

  1. Nekrolog 2013
  2. G
  3. Deutschland
  4. The Big Bang Theory
  5. Game of Thrones

Achja, Nelson Mandela ist auch tot — wäre mir fast entfallen. Immerhin hat er den Friedensnobelpreis vor Obama erhalten, als dieser Preis noch einen Wert und eine gesellschaftliche Bedeutung besaß. (Mein Vorschlag für 2014 wäre ja die NSA, niemand sonst hat durch Einschüchterung und Überwachung für so viel Sicherheit in der westlichen Welt gesorgt.) Doch trotz seines unverhofften Ablebens verursachte der Tod des Freiheitskämpfers Nelson Mandela keinen nennenswerten Anstieg in der Google-Suchhistory der Deutschen. Das Interesse der Deutschen an mehr demokratischer Mitbestimmung war wohl ungebrochen im Jahr 2013. Obwohl Nelson Mandela in den internationalen Rankings ganz vorne dabei ist und es weltweit sogar auf dem ersten Platz geschafft hat, hatte er sich in Deutschland nicht einmal eine Top 5 Platzierung verdient. Nur Paul Walker schaffte es in beiden Rankings in die Top 5 — international, wie auch national. Die Deutschen wissen eben immer noch ihre Prioritäten zu setzen.

Google Zeitgeist
die international meist gesuchten Begriffe 2013

  1. Nelson Mandela
  2. Paul Walker
  3. iPhone 5s
  4. Cory Monteith
  5. Harlem Shake

Auch auf Twitter bewahrheitete sich der weltweite Trend zur Glorifizierung von gestorbenen berühmten Persönlichkeiten. Die beiden am meisten retweeteten Kurznachrichten waren die Todesnachrichten von Cory Monteith (208.226 Retweets) und Paul Walker (400.367 Retweets).

 

Dass gegen solch traurigen Nachrichten nur Pornos helfen, suggeriert der Jahresrückblick von PornHub, ein Konkurrent von RedTube, dem durch Abmahnanwälten noch keine geschäftsschädigende Berichterstattung zu Teil wurde. Laut PornHub nahm der Deutsche Pornokonsum um 34 Sekunden pro Masturbationseinheit zu. Damit liegen wir 8 Sekunden über dem weltweiten durchschnittlichen Anstieg von 26 Sekunden. Falls es dir zum Jahresende hin auch dreckig geht, hier noch der Link zum meist besuchten Pornovideo des Jahres.

Auch wenn der zweite Platz der beliebtesten Wikipedia-Einträge für den Buchstaben G suggeriert, dass die Deutschen immer noch auf der Suche nach dem G-Punkt sind, so wie ich es damals 2012 vermutete, hat sich eine äußerst banale Erklärung für dieses Phänomen gefunden. Wie das Softwaregenie hinter WikiTrends, Johan Gunnarson, bereits 2012 gegenüber süddeutsche.de sagte, gäbe es immer wieder Bots und Crawler, die die Statistik durch ihre Anfragen verzerren. In einer Mail teilte mir Gunnarson dieses Jahr folgendes mit: „Ich weiß nicht, warum G so weit oben in einigen Sprachen ist. Die Besucherzahlen sind gleichmäßig über das Jahr verteilt und außerdem hat G in Englisch, Deutsch, Französisch und Polnisch ein hohes Ranking.“ Er beschreibt seine Daten manchmal als etwas unzuverlässig, da er die Bots und Crawler nicht herausfiltern kann. Aber im Großen und Ganzen seien sie verlässlich.

Warum G also stets einen prominenten Platz im Herzen der Deutschen einnimmt, muss wohl in der Zukunft noch geklärt werden, aber immerhin können wir uns darauf verlassen, dass der Wikipedia-Eintrag Rufnummernmitnahme (Platz 8) tatsächlich so gut geklickt wurde, wie die Statistik suggeriert. Vielleicht haben schon Millionen von Menschen in Deutschland ihren Umstieg von der Drosselkom (aka Telekom) auf einen Mitbewerber geplant.

Bereits die Vorjahresstatistik zeigte, dass Deutschland auf Wikipedia beliebte Serien wie „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ und „The Big Bang Theory“ sucht. Nicht umsonst sind diese auch wiederum, laut TorrentFreak, die am meisten illegal gedownloadedeten Serien des Jahres. Mit großem Abstand und seit zwei Jahren in Folge: Game of Thrones.

Der Durchschnitts-Deutsche konsumierte also lieber US-amerikanische Serien und Pornos anstatt sich der politischen Willensbildung zu beugen. Stattdessen klicken sich die Deutschen auf der Suche nach einem politischen Lichtblick — gar einer politischen Führung — durch das Frage und Antwortspiel des Wahl-o-Mats der Bundeszentrale für politische Bildung.

In diesem Sinne möchte ich dich mit dem meist geklicktesten YouTube-Video der Welt und den Worten „What does the fox say?“ ins neue Jahr entlassen.

Top 10 YouTube-Videos 2013

  1. Ylvis – The Fox
  2. Harlem Shake
  3. How Animals Eat Their Food
  4. Miley Cyrus’s Wrecking Ball (Chatroulette Version)
  5. Baby & Me / The New Evian Film

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