Die Jünger des Perry Rhodan

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Dieter, Kapitän des PRC-ARGE-FESTAK, ist in einer Zeit aufgewachsen, die ich mir heute, da das Internet wie von Gott gegeben von uns Digital-Natives hingenommen wird, kaum noch vorstellen kann. Um gleichgesinnte Fans kennenzulernen, musstest du am Dienstag, dem Erscheinungstag von “Perry Rhodan”, vor dem Zeitschriftenlanden kampieren und andere Kunden dabei beobachten zu welchem Magazin sie greifen würden.

Dass sich dieser Aufwand lohnt ist klar, denn es geht hier auch nicht um irgendein Schundmagazin, sondern um Perry Rhodan, den erfolgreichsten Groschenroman der Welt. Er ist die am längsten kontinuierlich fortlaufend erzählte Geschichte der Science Fiction-Geschichte. Nachdem ich mich bereits mit dem Großmeister persönlich unterhalten habe, brach ich also auf, um mit seinen Jüngern zu sprechen.

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Heinz und Dieter zeigen mir ihr selbstgemachtes Buch über die Explorerflotte

„Du hast sofort gemerkt wie die Leute so drauf waren, wenn du sie ansprachst. Einige wollten mit dir drüber reden, andern war es eher unangenehm“, sagt Dieter, wenn er über diese Anfänge seiner Bemühungen Fans zusammenzubringen, spricht. Er war damals 12 oder 13 Jahre alt, aber liest auch heute noch den Perry Rhodan mit derselben Freude wie damals. Nur mit dem Rumlungern vor dem Zeitschriftenladen seines Vertrauens hat er aufgehört. Um gleichgesinnte Fans zu treffen (und so fand ich die Jungs auch) nutzt er heute das Internet. Dieter ist mittlerweile Kapitän des Perry Rhodan Stammtisches in Nürnberg und kümmert sich um das Wohlergehen von Perry-Rhodan-Begeisterten. Er und seine Freunde organisieren Conventions von Fans für Fans.

Conteam - Schiffsmannschaft vor Bildschirm

Kapitän Dieter und seine Mannschaft vom PRC-ARGE-FESTAK

Dass sich aber seit 1961 viel verändert hat, als “Perry Rhodan Nr. 1: Unternehmen Stardust” erschienen ist, liegt in seiner Natur als Fortsetzungsgeschichte. Im ersten Heftchen reist der gleichnamige Titelheld Perry Rhodan, ein Amerikaner, als erster Mensch zum Mond. Als er dort auf Außerirdische trifft, die ihm ihre übermächtige Technologie vermachen, kehrt er als Deserteur zur Erde zurück. Der erste Roman endet damit, dass er seine Schulterklappen in den Staub wirft, seiner Nationalität entsagt und zum ersten Weltbürger wird. In der Tradition erfolgreicher Science-Fiction-Helden eint er die Menschheit unter seiner demokratischen Führung und führt sie ins Weltall. Dieser klassische Sci-Fi-Ansatz wird seit damals wöchentlich weiter gesponnen. Für 70 Pfennige konnte der Jungendliche der 60er, in einer Zeit ohne Hartz-4-TV und 9Gag, der eigenen Trostlosigkeit entkommen und in eine fantastische Welt flüchten. Heinz, der wie Dieter seit seiner Jugend Perry-Enthusiast ist, wird es aber langsam genug: „Ich lese seit einiger Zeit die neuen Hefte nicht mehr. Ich habe von Ausgabe 73 bis 2585 durchgelesen. Die Handlung gefällt mir aber kaum noch. Dann habe ich gedacht, ich fange bei 2600 wieder an, bei den Hundertern beginnt immer ein neuer Zyklus, also eine neue Geschichte. Aber in Heft 2604 wird dann wieder mal die Erde entführt,” seufzt Dieter. “Nicht schon wieder! Da hab ich das Heft sofort wieder ins Regal gelegt.“ Heinz kauft und sammelt zwar immer noch als braver Fan den Heftroman, aber das Lesen der aktuellen Bände hat er aufgegeben. In dem Moment mischt sich Ziska in unser Gespräch ein: „Da verpasst du was! Seit 2650 ist es wieder richtig gut geworden.“ Sie kann seinen Perry-Überdruss überhaupt nicht verstehen. Dass es mit der Qualität der Hefte ständig auf und aub geht, steht hier nicht einmal zur Diskussion, das wird von allen als normal bezeichnet. Dieter beschreibt dieses Problem so: “Manchmal ist es zehn bis 20 Bände wie zäher alter Kaugummi.“ Nicht immer muss dir alles gefallen, was sich die Autoren so aus den Fingern saugen, aber kaufen und lesen musst du es trotzdem, sonst verpasst du den Anschluss in der endlosen Fortsetzungsgeschichte. Mir erscheint das einleuchtend, wenn ich daran denke, wie mies meine Oma drauf ist, wenn sie eine Folge von “Gute Zeiten, Schlechte Zeiten” oder “Verbotene Liebe” verpasst hat und nachher nicht mehr weiß, wer es gerade–warum–mit-wem treibt.

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Ziska findet, das Perry Rhodan auch heute nichts von seinem Charm verloren hat.

Im Gegensatz zur Soap Opera haben die Fans der Space Opera im Laufe der letzten 50 Jahre aber massiven Einfluss auf die Irrfahrt ihrer Helden genommen. Ziska ist nicht nur von der Qualität des aktuellen Rhodan-Zyklus überzeugt, sondern schreibt auch Fan-Fiction, um am Aufbau der Welt aktiv Teil zu haben. Dieter zeigt mir ein Buch, das sie gemeinsam mit anderen Fans geschrieben haben. In diesem nimmt die Explorer-Flotte in von Perry-Fans selbstgezeichneten Bauplänen Gestalt an. Sie fand eigentlich nur in einer Nebengeschichte Erwähnung und verschwand dann in die Untiefen des Rhodan-Alls. Hier wird sie aber von den Fans in ihrer gesamten Größe beschrieben und kam dadurch auch wieder in die Romanwelt zurück. Aber selbst nach 2600 Bänden gibt es immer noch eine Frage, die Perry Rhodan-Fans interessiert: “Wie funktioniert ein Dimesexta-Triebwerk und wann wird es wieder eingeführt?“ Dass diese Frage bereits zum Running-Gag wurde, mussten die Macher auf unzähligen Science-Fiction-Conventions über sich ergehen lassen. Dafür scheint es überraschenderweise noch keine Baupläne zu geben.

Plan der Explorer Flotte

Der handgezeichnete Plan der Explorer Flotte.

Heinz erläutert, wie schwierig es in der Nachkriegszeit war, als Perry Rhodan entstand, Science-Fiction in Deutschland zu veröffentlichen: “Kein Verlag wollte den deutschen Science-Fiction von Walter Ernsting veröffentlichen. Also hat er gesagt, dass seine Romane vom Amerikaner Clark Darlton geschrieben seien und er hätte sie bloß übersetzt. Das haben die Verlage dann veröffentlicht.“ Als Perry Rhodan 1961 als Kollaboration zwischen den beiden Autoren Walter Ernsting und Karl-Herbert Scheer erschien, benutzte Ernsting immer noch sein Pseudonym. Andi, ein anderer Teilnehmer des Stammtisches, wirft lachend ein: „Da hat er doppelt abkassiert:  Autoren- und Übersetzterhonorar.“

„Wichtig ist, dass es immer weiter geht und die Autoren sich nicht zu viel Schmarren einfallen lassen. Da gibt es jetzt eine neue Serie, “Perry Rhodan Neo”. Was da alles an den Haaren herbeigezogen wird“, sagt Dieter kopfschüttelnd. Perry Rhodan Neo ist ein Reboot der Serie unter neuen Vorzeichen. Hier beginnt die Geschichte nicht 1967 mit der fiktiven Mondlandung des Originals, sondern es wird versucht, eine Zukunftsvision aus heutiger Sicht zu projizieren. Die Fans sind sich einig, dass sich die Autoren noch nicht so richtig in dieser neuen Realität zurechtfinden. Heinz’ Urteil ist auch hier nicht besonders positiv: „Das ist das G8 des Perry Rhodan.“

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