Harveys neue Augen — das nettest Mädchen der Welt und ihr psychopatischer Stoffhase

harveysneweyes_screenshot_012008 wurde das Erstlingswerk von Daedalic Entertainment  “Edna bricht aus” mit dem deutschen Entwicklerpreis ausgezeichnet. Jetzt, da Lucas Arts nicht nur faktisch, sondern auch öffiziell den Löffel abgegeben hat, sind sie zweifelsfrei zu dessen Nachfolger geworden. Seinem Erstlingswerk schob Daedalic unlängst einen Nachfolger hinterher. Dieser knüpft zwar lose an die Ereignisse des Vorgängers an, geht aber mit Klosterschülerin Lilli als Protagonistin neue Wege. Deshalb kannst du es auch zocken, wenn du den Vorgänger frevelhafterweise verpasst hast.

Die Klosterschülerin Lilli ist sprichwörtlich das bravste Mädchen der Welt. Sie würde niemals etwas tun, das ihr die Erwachsenen verboten haben. Während Lilli also wortgetreu das ausführt was ihr die Oberin der Klosterschule aufträgt, passieren seltsame Unfälle. Lilli blendet das aber aus: Für sie wird die Welt, von den liebevollen Zensurgnomen, rosa gemalt. Als dann der Psychiater Dr. Marcel auch noch seine neue Hypnose-Technik für besonders aufsässige Kinder an ihr ausprobiert, fühlt sie fortan psychische Schmerzen, wenn sie versucht sich über Verbote hinwegzusetzen. Die beste Freundin von Lilli ist Enda. Edna, die Hauptperson aus dem ersten Teil, wurde nach ihrem Ausbruch aus dem Irrenhaus rehabilitiert und lebt mit Lilli in der Klosterschule. Als Edna davon Wind bekommt, dass ihr „Erzfeind“ Dr. Marcel in die Klosterschule kommt, muss Lilli ihr helfen zu türmen. Dabei lernt sie im Laufe der Zeit, sich über die verschiedenen Verbote der Erwachsenen, hinweg zu setzen, indem sie die Parallelwelt ihrer eigenen Psyche ergründet.

harvey_talk_dv_03Harvey, der namensgebende, leicht psychopathische Stoffhase aus dem ersten Teil, tritt nur noch in einer Nebenrolle und mit veränderte Persönlichkeit auf. Harvey Fans könnte das enttäuschen. Er dient, von Dr. Marcel mit neuen Augen ausgestattet, lediglich als Hypnose Puppe um Lillis Unterbewusstsein zu betreten. Die ulkigen Dialoge zwischen Harvey und Edna, bekannt aus dem Vorgänger, in denen der Stoffhase zerstörerische Vorschläge macht, bleiben aus. Lilli meldet sich ohnehin im gesamten Spiel nicht ein einziges Mal zu Wort. In Dialogen fallen ihr die anderen Personen, stets spätestens nach einer Silbe, ins Wort. Den einzigen Einblick in ihre Perspektive erhälst du von Götz Otto, als Sprecher aus dem Off. Dessen Kommentare muten zum Schmunzeln an, da sie generell nie mit der im Spiel dargestellten Realität übereinstimmen.

In klassischer Adventure Manier steuerst du Lilli, das bravste Mädchen der Welt, mit der Maus durch die handgezeichneten Comicgraphiken. Die im Gegensatz zum Vorgänger nicht mehr ganz so verpixelt sind. Die Interaktion mit den Objekten der Spielwelt geschieht entweder mit der rechten oder linken Maustaste, der jeweils eine Handlungsalternative zugeordnet sind. Das ist zwar einerseits intuitiv und vermeidet das Ausufern in wahlloses Rumprobieren. Auf der anderen Seite führt es aber leider oftmals dazu, dass durch mangelnden Optionen die Rätsel allzu simpel ausfallen. Das heißt natürlich auch: Die Frustrationstoleranz bei „Harveys neue Augen“ ist gleich null.

Lilli_1Neu ist, dass du neben dem klassischen Inventar auf eine Leiste mit Verboten zugreifen kann. Bei den Ausflügen in Lillis Psyche kann man lernen diese Verbote zu übergehen. Ab dann kann man sie ähnlich wie aufgesammelten Gegenstände benutzten, um Aktionen auszuführen, die Lilli eigentlich verboten sind. Lilli kann so lernen, dass beispielsweise „Mit dem Feuer spielen“ auch etwas Gutes sein kann. Das Negative an diesem Feature ist leider die Implementierung im Spiel. Zumeist erlernt Lilli die Fähigkeit ein Verbot zu übergehen nur, um sie kurz darauf einmalig anzuwenden. Dies ist schade, denn obwohl die Verbote in der Geschichte ein zentrales Element einnehmen, werden sie zum Lösen von Rätseln viel zu selten eingesetzt. Es hätte, aufgrund der stiefmütterlichen Anwendung, auch leicht auf das Verbote-Menü verzichtet werden können. Die ausschließlich logischen Rätsel und der eingeschränkte Handlungsspielraum der Steuerung führt zu einer Spielzeit zwischen 8-10 Stunden.

Aller Kritik zum Trotz ist es dennoch erfreulich, dass Spieledesigner Jan Müller-Michaelis nicht einfach nur mit einem Klon des Vorgängers zu begeistern versucht. Etwas, das selten gelingt. „Harveys neue Augen“ ist ohne Frage eine Empfehlung. Dass das Spiel nicht nur mit seiner Story, sondern auch mit seinem Erfolg an “Edna bricht aus” anknüpfen kann, bezweifle ich.

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