Interview mit einem Nerd

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Von außen sieht das Klingelschild ganz normal aus. Schmidt* steht da in verschnörkelten Lettern und beinahe ist man geneigt, aus reinem Trotz bei einen anderen Namen zu klingeln, einem weniger deutschen, weniger mediokren, als jenem, der hier nur Normalität verspricht.

Was sich hinter diesem Schild verbirgt, ist von der anderen Seite der Tür nicht zu erahnen. Nicht selten tarnen sich die Betroffenen mit einer bürgerlichen, bohemischen Existenz. Zumeist verstecken sie sich in Beziehungen mit andersartigen Menschen, der Geruch von der Freiheit muss ihnen stets in der Nase nästeln. Sonst würden sie dieses Leben in den Kellern dieser Welt kaum ertragen.

Diese Szenen spielen sich in jeder deutschen Stadt ab und doch muss man erst durch schwere Holztüren gehen, um sie in hautnaher Realität erleben zu können. Der Buzzer ertönt, ich trete ein. Die Wände im Hausflur sind mit dunkelgrünen Fliesen marmoriert und das Treppenhaus in feinen Holzparkett gelegt. Etwa drei Stockwerke muss ich hocheilen, damit ich den Anschluss nicht verpasse. Ich bin nervös, dass das Interview in letzter Sekunde platzt.

Das Interview

Ich huste höflich, erwarte ordnungsgemäß an der Haustür empfangen zu werden, aber ich bemerke schon, dass dieses Gespräch wie kein anderes verlaufen wird. Ich trete ein, meine Schuhe sind auf dem Parkett zu hören. Die Tür versuche ich dennoch leise zu schließen, obgleich ich dem Bewusstsein über meine Ankunft in dieser Wohnung nicht sicher bin. Mehrere offene Türen gehen vom Flur ab in kleine narniani’sche Reiche. Und ich entscheide mich für jenes, aus dem ich das filigrane und doch aggressive Klicken der Maustaste höre.

„Sind Sie hier?“, frage ich eher schüchtern, als ich wie sonst so vorauseilend in den Raum hinein.

Schon im Vorgespräch haben wir abgemacht, dass Schmidt in seiner Rolle als Nerd unerkannt bleiben will. Was ich aber dann zu sehen bekomme, ist zweifelsohne das vergessene Erbe einer Generation, die von den digitalen Errungenschaften schamlos gefressen wurde. Ein riesiger schwarzer Sessel dreht sich in meine Richtung und ich sehe einen Mann vor mir, der seit Tagen nicht geschlafen hat. Der ein Headset trägt, das ihm gleich von den Ohren zu rutschen droht. Ein Mann der mir nur mit einem schnellen Nicken zu verstehen gibt, dass ich eintreten darf.

Ich fühle mich ein wenig hilflos, aber meine nervöse Röte im Gesicht wird in diesem Raum nicht sichtbar, schließlich sind die Jalousien ganz hinuntergezogen. Nur ein kleiner Sonnenstrahl dringt ein, er landet direkt auf den schulterlangen Haaren des Bewohners. Es ist der letzte Hoffnungsschimmer der Digital Natives.

Bevor ich auf einem Klappstuhl — „Mein Besucherstuhl“, wie er belustigt anmerkt — Platz nehmen darf, stolpere ich über leere Eistee-Kartons und Pizzaschachteln. Ich nehme meine Notizen hervor und spreche Schmidt direkt an:

„Sie haben es sich hier aber ganz schön gemütlich gemacht“, sage ich.

„Korrekt”, sagt er.

Ich erinnere mich daran, dass ich keine Feststellung als Frage formulieren darf. Da ich hier mit einem Interviewpartner sitze, der mehr Zeit in Spielen verschwendet, als in der Außenwelt. Ich muss hier behutsamer vorgehen, was die gesellschaftlichen Regeln belangt.

„Wie fing das an, diese Sache mit dem Zocken?“

Er dreht sich nicht zu mir um, es scheint mir beinahe so, als würde er auch von mir nicht erkannt werden wollen. Dabei hatten wir ausgemacht, dass ich zum Stillschweigen verpflichtet bin, dass ich nichts über seine Identität preisgeben darf. Paranoia scheint hier Normalzustand, nicht Berufskrankheit.

„Mit 14. Ganz normal, wie bei den anderen. Mario Kart zocken, irgendwann WOW. Snake auf dem alten Nokia Handy. Ganz normal, eben. Weißt du?“

Ich beschließe ihn fortan auch zu duzen.

„Und wo haben sich eure Wege getrennt? Wann kam der Zeitpunkt, an dem andere sich anderen Dingen zugewandt haben?“

„Im Studium, manche schon vorher. Die meisten nach dem Studium, als es in die Arbeitswelt ging. Manche spielen aber auch noch nach der Arbeit, um runterzukommen.“

„Du meinst, so wie andere kiffen, oder ein Glas Wein trinken?“

„Ja.“

„Was spielst du da gerade?“

„League of Legends. Ist so ein Teamspiel. Pech hast du nur, wenn du lauter Noobs in deiner Gruppe hast.“

Schmidt springt plötzlich aus seinem Sessel auf, er schreit LOL in sein Headset und schmeißt es auf den Schreibtisch. Vor mir sehe ich einen Mann, der von null auf hundert die gesamte Palette menschlicher Emotionen aufweisen kann. Er traut sich hier drinnen noch etwas, was in der Welt da draußen nicht mehr möglich ist.

„Hast du noch Kontakt zu den Freunden, die nicht mehr spielen?“

Schmidt ist wieder versunken in seinem Spiel. Er schaut kurz zu seinem verdeckten Fenster, wie jemand, der versucht lästige Stimmen loszuwerden. Als ich ihn frage, ob ich wann anders wiederkommen solle, zu einem Zeitpunkt, wenn er nicht spiele, dreht er sich nicht zu mir um. Er erklärt mir nur, dass es diese Momente im Wesentlichen gar nicht mehr in seinem Leben gäbe. Dass jeder andere Zeitpunkt in seinem Leben genauso schlecht wäre für einen Besuch.

Schließlich beantwortet Schmidt doch meine Frage: “Wenig. Die Interessen sind halt andere. Andere Interessen, andere Freundschaften. So läuft das halt.”

„Was machst du denn sonst noch gerne, außer Onlinegames? Liest du ein Buch, gehst du ins Kino?“

Ich bemerke, dass meine Fragen vom journalistischen ins Metier eines Sozialarbeiters abdriften. Aber das ist mir egal. Ich bin persönlich berührt von seiner Abgeschiedenheit.

„Ich schaue mir schon mal gerne einen Film an. Meistens aber auf dem Computer.”

„Was ist mit deiner Freundin?”

Er klickt nicht mehr auf den Maustasten. Er pausiert nur. Und nickt.

„Ist weg.”

„Seit wann?”

„Ein paar Monate schon.“

„Wieso seid ihr getrennt?“

Schmidt zeigt auf den Bildschirm vor sich. „Freundin und das da, das geht nicht. Ich will Pro-Gamer werden, ich will eine, die akzeptiert, dass ich nach der Arbeit auch mal abschalten muss.“

Er schluckt. Seine Finger fangen wieder an wie wild auf der Maus herumzudrücken. Als wäre er nur kurz abgedriftet und nun wieder voll einsatzfähig auf dem Schlachtfeld der Egoshooter: „Moment mal, ich muss hier eben noch nen Kill machen”, sagt er.

Ich halte inne. Schaue mich im Zimmer um. Es ist kaum ein Gegenstand zu erkennen, wegen der Dunkelheit. Jene Möbelstücke, die ich erkennen kann, scheinen noch aus den frühen Neunzigern zu stammen. Ich stelle mir vor, dass Schmidt nie die Zeit gefunden hat, sich neu einzurichten.

„Was stört dich denn so an der Welt da draußen?“

Lange Zeit kommt gar nichts. Er hebt einen Zeigefinger, bittet mich somit um Ruhe.

Dann nimmt Schmidt sein Headset ab. Das Spiel ist vorbei. Auf dem Bildschirm steht in großen Lettern VICTORY. Er dreht sich zu mir um. Er seufzt, als kenne er die Frage zur Genüge. Aber an seinem traurigen Blick erkenne ich: Er stellt sie sich selbst zum ersten Mal.

„Ich schätze es ist das Unvermögen der Welt, Konflikte zu lösen.“

„Aber es werden doch ständig überall Konflikte gelöst. In der Politik zum Beispiel, da-“

„Sie werden beendet, ja. Aber nicht gelöst. Schauen Sie auf Israel, in den Irak. Immer wieder flammt  da was auf.“ Schmidt zeigt mit seinem von den Rollzigaretten schon fast gelben Finger auf den Bildschirm vor sich. „Sehen Sie das? Das ist der Sieg, den ich da draußen vermisse. Da draußen steht eben nicht VICTORY. Da draußen steht überall in großen Lettern: To be continued.“

Schmidt dreht sich wieder um. Ein Geräusch einer lauten Trompete ertönt aus den Boxen.

Case closed. Die nächste Runde beginnt.

Ich bedanke mich für das Gespräch und verlasse das Zimmer, ohne auch nur ein Wort des Abschiedes in Empfang zu nehmen. Ich schließe die Zimmertür, mit dem festen Glauben daran, dass Schmidt diesen Schritt von sich aus nicht wagen würde. Niemals würde er von seinem Sessel aufstehen, die Tür endgültig schließen, um in letzter Konsequenz diese Gesellschaft zu verlassen.       Das ist der Abschied eines Mannes, der zu feige ist, um aufzugeben.

*Name von der Redaktion geändert

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Laura Nunziante

Laura Nunziante

Immer, wenn ein Laie behauptet, er schreibe ein Buch, dann stirbt irgendwo ein mittelloser Autor. Noch ist die freie Autorin aber voller Zuversicht, dass ihr etwas Lebenszeit bleibt — Folge Laura auf Twitter unter @ElisaCrockyard

Mehr von Laura Nunziante findest du auf ihrer Website: lauraelisanunziante.de


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