Mein Leben mit einem Nerd (1): Magic-Karten auf dem Klo

1543_422584921188490_1815439755_nFoto: Laura Nunziante

Wenn ich normalerweise abends nach Hause komme, höre ich schon im Wohnungsflur dieses unnachahmliche Geräusch von einem immer wiederkehrenden Fingertippeln auf einer Maustaste, irgendwo in der Ferne der umliegenden 77 Quadratmeter.

Sicher, anfangs hatte mich das noch angemacht, denn welcher Frau gefällt nicht der Gedanken an trainierte Finger, die sich schnell hin und her bewegen können?

Aber heute stört es mich nur noch, ist dieses besagte Knochentraining doch nur das leicht zu interpretierende Pirschgeräusch eines Nerds in seinem normalen Habitat.

Trete ich in unser Wohnzimmer, sehe ich ihn – folgend „Nerd“ genannt – in einer der erbärmlichsten Positionen, die die Menschheit seit The Human Centipede gesehen hat: er liegt und sitzt also zum gleichen Prozentsatz auf dem Sofa, sein Rücken ist nicht ganz durchgedrückt, der Blick auf den Bildschirm gebannt, die Lippen leicht nach vorne ausgebeult und auf dem Tisch steht garantiert ein Pfanner Eisteekarton. Die Kappe liegt natürlich daneben, sie konnte im Eifer des Affekts nicht einmal mehr vernünftig aufgeschraubt werden. Dies ist das Bildnis eines jeden einzelnen Tages in unserer Wohnung.

Ich bin Laura, 26, und lebe zusammen mit einem Nerd. Ich bin Autorin, Entdeckerin, Betroffene.

Es fällt mir schwer, meine Erfahrungen in eine verständliche Form zu bringen, handeln sich unsere hausinternen Dialoge doch vorrangig nur um das eine Thema und so fallen Worte wie „Mana“ oder Fiend Hunter öfter als „Champignons“ oder „Apfelsaft.“

Eine Einkaufsliste beschränkt sich nicht etwa darauf, was es zum Abendessen gehen wird, sondern in welche neue Karte investiert wird und nur wenige Augenblicke in der Woche bekomme ich meinen Freund zu Gesicht. Das heißt wahrhaftig, zumindest in realer, menschlicher Form, in der ein Gespräch über Politik oder Religion möglich ist.

Das sind die Momente, in denen der Laptop außer Reichweite, und die Karten gut in den Schubladen verstaut sind, so dass er zumindest im Gespräch nicht heimlich – ergo bei Männern ziemlich offensichtlich –  einen Seitenblick darauf werfen kann.

Aus fast jedem meiner Bücher fliegt mir wöchentlich eine Magic Karte entgegen. Erst kürzlich entdeckte ich in unserem Playboy auf der Toilette den Ruination Wurm, und ich weigere mich hier zu beschreiben, welch Ekel in mir vorging, als sich das Thema menschlicher Stuhlgang und ein riesig langer Wurm in einen unzulänglichen Kontext in meinem Gehirn paarte.

Sagen wir so, ich habe diese Karte seither nicht vergessen. Ich träume davon. Wache völlig verstört auf. Zittere. Es ist unbeschreiblich.

1012661_422585051188477_1548936851_nFoto: Laura Nunziante

Ja, mit einem Nerd zusammenleben, das heißt letztlich auch, sich selbst kennenzulernen, als Diktator, Kontrolleur, als Mutter! Diese ungeahnte, spontane Freude im Gesicht meines Nerds, wenn einer seiner kleinen Freunde zu Besuch kommt und die alltägliche Frage:

„Darf Carlo vorbeikommen zum Spielen?“, stellt.

Nein, liebe Leser, hierbei handelt es sich nicht um einen Dialog aus der fünften Klasse, es geht um ein reales Phänomen der Gegenwart und erinnert mich an Zeiten, in denen es das Wichtigste war, das seltene Sammelbild für das Stickerheft herauszufischen oder die 5 Cent für ein Gummitier am Kiosk anzusparen. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass, wenn ich mich im barbusigen Zustand neben einer Magic Karte unter einen Wasserfall legen würde, mein Freund sogar in diesem Falle zu der Karte greifen würde – auch wenn sie danach völlig unbrauchbar wäre.

1043864_422585147855134_500907250_nFoto: Laura Nunziante

Nun, ich habe mich daran gewöhnt. An die langen Nächte, in denen ich schon eingeschlafen bin und der Nerd meines Vertrauens noch stundenlang bei vollem Lichtkegel ein Deck für das Turnier am Samstag zusammenstellt; an die unglamorösen Klappstuhl-Veranstaltungen, in denen ich ihn anfeuern muss, obwohl ich die ganze Zeit im Kopf denke:

„Gott, ihr habt alle kein Lebeeeeen!“

An den Verlust der eigenen Postkarten mit spirituellem Spüchen darauf, die missbraucht werden, um die verbrauchten Magic Karten akurat und stabil an einen anderen Nerd innerhalb Europas weiterzuschicken. Und doch, ich liebe ihn, diesen komischen Nerd und kann es mir nicht anders vorstellen.

Oder wie mein Freund sagen würde: „Eventuell mag ich dich mehr als meinen Black Lotus.“

Na wenn das mal nichts heißt.

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