Mein Leben mit einem Nerd (2): NSA-Paranoia

Meine lieben Gamer-Girlfriends,

auch heute möchte ich meine Erfahrungen mit euch teilen, mich euch anvertrauen.
Ihr nämlich seid der letzte Lichtblick in meinem Alltag, die mir meine exorbitante Lebensweise mit einem Nerd nachsehen werdet, ja, vielleicht seid ihr mit der ein oder anderen Situation, die ich euch hier schildern werde, sogar zutiefst vertraut.

Dies ist der zweite Teil meiner Kolumne, in der ich fortan über meinen ergreifenden Alltag mit einem Vollblut-Nerd berichten werde. Höret und schweigt in stiller Zustimmung. Oder schreibet mir, wenn ihr jemanden zum Sharen braucht.

Erst in dieser Woche musste ich meinen Freund dabei beobachten, wie er die Webcam in seinem Laptop mit Paketband abklebte. Aus Sicherheitsgründen. Es mag leicht psychotisch erscheinen, wenn wir bedenken, dass der Nerd nicht unbedingt zum gefährlichsten und damit interessantesten Nemesis eines amerikanischen Geheimdienstagenten erklärt werden kann. Mein Freund, der selbsternannte „Terrorspezialist der League of Legends“ würde mir hier allerdings nicht beipflichten, hat er doch angeblich Skills, die so manchen Agenten die Blässe ins Gesicht treiben würden.

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Fotos: Laura Nunziante

Die NSA-Affäre hat auch ihn zu einem Paranoiden gemacht, sodass ich froh sein kann, euch heute überhaupt darüber berichten zu dürfen. Im Ansturm der Ereignisse hatte ich nämlich erwartet, dass mein Anschluss zu der Welt da draußen von ihm unterbrochen werden und ich in einem ehemaligen Stasi-Bunker aus dem kalten Krieg wieder aufwachen würde. Ich hatte es schon vor Augen, wie mein Nerd-Freund mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchten und mir Atemübungen nahebringen würde, damit wir für den nächsten Cyberwar gewappnet seien.

„Sei stark“, würde er mit verzweifelter Stimme sagen, „wichtig ist doch nur, dass wir zusammen sind.“  Dann würde er seinen Laptop aus der Tasche ziehen und hinzufügen: „Und dass wir hier geschütztes Wifi haben.“

Aber wie ihr lest, sitze ich noch immer hier und schreibe euch. Nicht, ohne mit einem Schock davongekommen zu sein. Nächtelang zweifelte ich an der Intaktheit seines Verstandes! Ich hatte zusehen müssen, wie er ein akkurat ausgeschnittenes Klebeband fein säuberlich auf die Ober-und Unterkante der Webcam geklebt hatte. Welche Freundin würde das nicht beunruhigen?

„Sollen die dich beim Magic Tournament streamen abhören oder was?“, fragte ich. „Beim Sex können die uns jedenfalls nicht beobachten.“ Ich räusperte.

Liebe Frauen, ich muss euch sicherlich nicht erklären, dass ein Griff mit der Fingerspitze in den matrixschen Tunnel seiner schon längst nach Spielzeiten programmierten Libido immer damit enden kann, dass einer seiner Nerd-Freunde sich auf TeamSpeak zum Dienst meldet und wir Frauen wieder leise ins Schlafzimmer entschwinden müssen.

Es ist die traurige Wahrheit einer Mittzwanzigerin, die sich mit ihrer Liebe einem Nerd verschrieben hat. Die als Autorin über Nietzsche und Schopenhauer diskutieren möchte und stattdessen beim Abendessen darüber sinnieren muss, dass World of Warcraft das Sozialleben fördere und nicht etwa den Gamer aggressiv werden lasse, so wie es in den Medien immer dargestellt würde.

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Als ich ihn vor ein paar Monaten fragte, wie er es fände, wenn ich mich selbstständig machen würde, antwortete er mir nicht etwa mit einer abgedroschenen Lebensweisheit, sondern sagte: „Das ist letztlich so, als wenn du dein Leben lang Quake 3 gespielt hast, und plötzlich nur noch Counter Strike spielst – am Anfang geht das alles etwas langsamer.“

Aha. Danke für die Unterhaltung, die sich immer mehr in die Realität eines Spieles übertragen lässt, als in das theoretische Debakel eines vermuteten Frauenhasses bei Friedrich Nietzsche.

Dennoch, ich will nicht zu hart zu meinem Nerd sein, er gehört zu einer Spezies Mensch, die in den letzten Jahren salonfähig geworden ist. Einen Nerd dürfen wir Frauen mittlerweile auch auf Familienfeiern mitnehmen, ohne dass wir schräg angeguckt werden, wenn der Besagte mit dem urdeutschen Kraftfahrer-Onkel redet, den Zeigefinger in die Luft hebt und beteuert:

„Moomment, es bedarf einer sehr feinen Unterscheidung zwischen Diablo und Diablo III,“ und dann für immer schweigt. Zumindest für den Rest des Abends.

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Das alles kann sich unter einem äußerst liebenswürdigen Wesen verstecken, das in Metaphern spricht, die wir als Nerd-Freundinnen nur decoden müssen.

Dann, wenn der Laptop des  nachts leise Geräusche ob der entweichenende Luft von sich gibt, weil das vermeintlich wichtige Programm unbedingt weiterlaufen muss; wenn die Bettdecke langam gehoben wird und der Griff zur weiblichen Brust den gemeinen Nerd wieder in die Realität zurückholt. Oder, „Das ist das Beste am Real Life“, wie mein Nerd sagen würde.

Wenn er denn Mitbestimmungsrecht in dem Artikel hätte. Hat er aber nicht.

Ganz nach alter NSA- Manier.

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