Mein Leben mit einem Nerd (3): Auf dem Magic-Tournier

Mädels, wie stellt ihr euch den perfekten Samstag mit eurem Freund vor?
Zusammen ein Eichhörnchen den Baum hinauflaufen sehen? Ein Rehkitz beobachten, das seine Nase im Wasser erfrischt? Sex? Shopping?
Mitnichten! Ich verbringe die Samstage mit meinem Freund neuerdings auf Magic-Turnieren.

9955_457499767697005_2027427967_nLieber Gamer-Freundinnen, wenn ich euch einen Tipp geben darf: begleitet euren Nerd während eines Turniers nie in eine Stadt, in der es nicht möglich ist, einen Klamottenladen aufzufinden. So geschehen in Ludwigshafen, einem Kaff in der Nähe von Mannheim, in der nicht einmal der Bäcker in der verkehrsberuhigten Zone länger als bis 14 Uhr seine Türen öffnet.

Aber wir lernen aus unseren Fehlern, wir werden reifer, erwachsener. Wir werden erst zur Frau, wenn wir verstanden haben, dass der Nerd gar nicht ausgeführt werden will — ja, dass er sich unter seinen Artgenossen wohlfühlt, auch wenn das bedeutet, dass er wertvolle Stunden seines Lebens in der Provinz verbringen muss.

Dieses Mal aber würde ich schlauer sein. Ich entschloss mich dazu, ihn zu einem Turnier im JK Entertainment Store in Frankfurt zu begleiten. Einen Katzensprung von unserer Wohnung entfernt, so dass ich bei nicht ausreichender Luftzufuhr oder geistiger Stimmulanz sofort den Laden verlassen könnte.

1235340_457499681030347_2004129759_nRichtig: Es war heiß und stickig, in der Luft roch es nach Energy-Drinks und Mountain Dew, nach Himbeerkaugummi und postpubertärem, von Axe durchtränktem Schweiß.

Anfangs noch schüchtern, grüßte ich die Anwesenden flüchtig, setzte mich auf einen der schwarzen Ikea Klappstühle und folgte ihren Gesprächen. Es war ein Wirrwarr aus dem hiesigen Nerdjagon, das Kauderwelsch der meist unterschätzten Spezies jenseits des Mains.

Ich sah nur eine einzige Frau in dem Laden. Sie saß am Tisch meines Freundes, hatte ihre mystische Spielunterlage ausgepackt und einige — wie mir es schien — Zauberwürfel in der Hand. Eine Stunde sollte die erste Runde gehen. Ich hatte mein Smartphone in weiser Voraussicht voll aufgeladen.

Es wurden Karten hin- und hergeschmissen, nervöse Finger zupften immer wieder an den Enden und Ecken des Handblatts, Regeln wurden erklärt, Schweiß tropfte von den Häuptern der Anwesenden auf die Tischplatte. Wohlgemerkt niemals auf die Karten — die waren nämlich das Heiligtum der Zeremonie. Spezielle Hüllen schützten sie und wenn ich meine Hand auch nur in ihre Richtung bewegte, erschien es mir, als würde der Besitzer laut bellend seine Zähne fletschen, um diese mit seinem Leben zu verteidigen.

Ein gar eigenartiges Schauspiel musste ich an diesem Samstag verfolgen, war doch der Geräuschpegel der Veranstaltung lauter als der von Kindern auf dem Schulhof. Ich musste mit ansehen, wie mein Freund von einem dreißigjährigen Mann zu einem Schuljungen herabwuchs, alleine durch die Tatsache, dass er lautstark über Regeln debattierte, die angeblich in der Magic-Community noch nicht ausreichend debattiert worden waren.

Ich langweilte mich. Ich gähnte. Ich scrollte zum x-ten Male durch meine Twitter-Timeline.

Jede Minute erschien mir wie eine Qual. Auch in der dritten Runde hatte ich mich in keiner Weise dem Spiel angenähert. Beinahe wäre mein Versuch, das unscheinbare Frohlocken der Spieler zu erkennen, gescheitert, wenn sich nicht an einem anderen Tisch plötzlich alle verbliebenen Magic-Nerds eingefunden hätten, um dem letzten Duell beizuwohnen.

1184970_457499724363676_1114805509_nIch stellte mich dazu. Das Licht in dem Raum schien gedämmt worden zu sein, es war still und ich hörte nur den Ventilator an der Decke in ewiger Einsamkeit routieren. Eins gegen Eins, das High Noon des Magics wurde hier vollzogen und auch ich spürte die Spannung meine Armhaare heraufkrabbeln. Ein neues Mana wurde in die Runde eingeführt. Es stand an diesem Punkt 11 zu 7, noch war nicht klar, wer das Duell gewinnen würde.

Ein Angriff, ein Abwehren mit vier weiteren Lebenspunkten. Gleichstand.

Die Gegner diskutierten über den Fallen Angel und seine Schadenspunkte. Ich, als leidenschaftlich Diskutierende bekannt, als Quatschtante vor dem Herrn, ja auch ich dachte: „Ssshhhh, Shhh, macht den Augenblick nicht kaputt. Spielt einfach weiter. Spielt verdammt!“

Als die letzte Karte gelegt, und der letzte Lebenspunkt verstrichen war, als Hände sich schüttelten und der Applaus und das Gegröhle aufgrund der stellenweise fehlenden Sozialkompetenz der Nerds ausblieb, musste auch ich unter Tränen, gar unter Schüttelfrost zugeben: sie hatten mich gefangen.

Mir war danach selbst ein Deck zu bauen, mich in die Tiefe des Spieles einführen zu lassen, mich vollkommen in der Magic-Welt fallen zu lassen.

1239362_457499657697016_1886831633_nAber dann sah ich wieder meinen Freund in unseren heimischen Gefilden vor mir, wie er stundenlang seine Decks sortierte und jeden Kartenwert anzweifelte, so wie einer, der sich von Staatsmächten verfolgt fühlte. Da schüttelte ich vehement den Kopf und rief laut: „Nein!“ in den Raum hinein, auch wenn niemand mir eine Frage gestellt hatte. Ich trat den Rückzug an.

„Noch habt ihr mich nicht“, sagte ich benommen und torkelte aus dem Geschäft, auf die Straße hinaus, tauchte in die frische Luft ein, und träumte von großen Einkaufshallen, denen ich mich bis in alle Ewigkeit konsumpflichtig erweisen würde. Ich hatte es versucht. Ich hatte mich dem Spiel hingeben, hatte seine Anziehungskraft verstanden, aus Liebe zu meinem Nerd war ich gefolgt und wäre dabei beinahe selbst ein Magic-Jünger geworden. Aber es war eine Entscheidung gegen das Böse und für das Frausein. Noch muss mich die Welt ertragen. Noch würde ich mich nicht mit schwarzgefärbten Haaren, bei denen stets der helle Ansatz zu sehen ist, und einem leicht zu großen Headset in die Kellern dieser Welt verschanzen.

Ich wusste aber: dieser Tag würde kommen. Ich wusste nur noch nicht genau, wann. Die riesigen Banktower im Rücken, ging ich nach Hause. Ich hatte einen weiteren Samstag überlebt.

 

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