Mein Leben mit einem Nerd (4): Ein Nerd macht sich rar

Liebe Gamer-Girlfriends,
heute wende ich mich an euch mit einem tragischen Schicksalsschlag, der mir erst kürzlich widerfahren ist. Ja, es stimmt. Ich wurde von meinem Nerd verlassen.allein ohne nerd (1)

Fotos: Laura Nunziante

Nun, nicht direkt verlassen. Sagen wir einfach, unsere langjährige Beziehung ist nurmehr eine Wochenendbeziehung. Aber dennoch sind die Auswirkungen gravierend, um nicht zu sagen verheerend für ein Liebesleben, das schon vorher nur außerhalb der hiesigen Spielzeiten stattgefunden hatte.

Der globalerwärmte Herbst streicht über meine Wangen und wirft mir wahllos Blätter ins Gesicht, so als wolle er mir einen weiteren Schlag versetzen. Als wolle er mir die Schuld an seiner eigener Unlust, ein vernünftiger Herbst zu sein, geben. Und er hat recht. Denn wie oft wandte ich mich an euch, um über meinen Nerd zu lästern, mich auszukotzen, mich in warmen Gesängen unter euresgleichen — meinen Herzensschwestern —zu wiegen, um Zuspruch zu erlangen für das einsame Leben, das ich seit jeher mit meinem Nerd führe. Vermutlich verdiene ich es am Ende nicht anders.

allein ohne nerd (3)Heute aber fühle ich mich in der Pflicht euch mitzuteilen, dass es ein schlimmeres Lebensmodell gibt als jenes, in dem die Live-Streams von Pro-Gamern die ganze Nacht auf dem Laptop durchlaufen. Dass es verdammt leise und gruselig werden kann, wenn der allzuvertraute Balzschrei des „LOL“ oder „ROFL“ nicht mehr aus dem Wohnzimmer in unsere Träume hineinreicht. Wenn die sonst mit Gusto geführten Gespräche über die späten Werke des George Lucas (Teil 1-3), welche den frühen Werken (Teil 4-6) in eigentlich allem nachstehen, ein jähes Ende darin finden, dass ich alleine am Küchentisch sitze und nur noch Gabel und Messer auf dem Teller kratzen höre. In der ganzen Wohnung ist es still und jeder Schritt den ich tue, wird vom Knatschen des renovierungsbedürftigen Parketts unter mir aufgefangen. Ich gebe es zu, schreie es heraus: mein Nerd hat mich verlassen, nur weil er als IT-Consultant sein Hobby, ach was sage ich, sein Leben zum Beruf gemacht hat. Dieser Wunsch erfordert es auch, an anderen Orten dieses Planeten zu arbeiten, einsatzfähig zu sein, die Welt zu bereisen.

Dumm nur, wenn diese Reise in einer Provinz wie Paderborn endet und die Internetverbindung im Hotelzimmer nicht einmal mehr dazu reicht, mit der Freundin zu skypen, wohlgemerkt aber noch dafür, eine Runde League of Legends zu zocken. So geschehen in der ersten Woche seines „Auslandseinsatzes“. Gerne gebe ich an dieser Stelle den O-Ton wieder.

Nerd: „Sorry Mausi, aber ich habe hier nur 428 MB am Tag und die reichen gerade für ein Spiel. Skypen muss leider ausfallen.“

Ich: „Fick dich, du Arsch.“

allein ohne nerd (2)Nun, wie ihr selbst lest: ich blieb die Ruhe selbst. Wäre ich nicht so sehr an diese archetypischen Konversationen aus dem dunklen Urreich der Mikrostrukturen gewöhnt, hätte ich mich wohl ernsthaft aufregen können. Genauso wenig wunderte es mich da, dass seine Rückkehr nach Frankfurt am letzten Wochenende durch die Teilnahme an einem Magic-Turnier gefeiert wurde — nicht etwa durch heißen Sex oder eine Shoppingtour durch die drei Stockwerke des Primark. Aber auch das wissen wir als Gamerfrauen natürlich, bevor wir diese seltsame Beziehungsform eingehen: wenn ein Nerd zurückkehrt, dann kommt er erst einmal zu seinen Magic-Karten zurück. Dann erst zu der eigenen Freundin. Dieses Schicksal ähnelt gar dem einer Fußballspielerfrau, die wenigstens noch das bisschen Glamour abbekommt und sogar in der Öffentlichkeit steht. Ich aber sitze immer noch stillschweigend auf meinem Sofa. Flasche um Flasche trinkend, lausche ich den Buchseiten, die sich von Geisterhand selbst umblättern, weil sie nicht von einem penetranten Jubelschrei ob eines getöteten Endgegners gestört werden oder von dem schnellen Klicken auf der Tastatur.

Letztlich muss ich gestehen, dass es auch etwas Gutes hat, auf sich allein gestellt zu sein. Über all diesem Schmerz steht jetzt auch ein großes „Endlich.“ Denn endlich ist es an der Zeit, meine eigene Identität wieder erforschen zu können. Endlich kann ich wieder in Ruhe lesen und schreiben.

Endlich darf ich unter der Woche das Star Trek Poster durch das des Antichristen von Lars van Trier überkleben. Endlich darf ich die Magic-Karten (sonst verteilt in der gesamten Wohnung) auf seinen Schreibtisch verbannen und sie durch Postkarten und Bildern von Freunden ersetzen. Beinahe sieht es so aus, als führe ich ein echtes Leben.

Wenn da nicht die Schritte aus der Wohnung über uns wären, die stündlich aufkommende Sirene eines Krankenwagens aus der Stadt, das technische Knacken des Fernsehers, das stundenlange Beobachten der Frau von gegenüber. All dies Störungen nur einmal durch ein wirres „Harvesteeeen!“-Geschrei im Teamspeak durchbrochen zu wissen, würde die Tristesse dieser Nerdwohnung vielleicht wieder ertragbar machen.

Liebe Gamer-Girldfriends, behaltet es also für euch, wenn ich wider Erwarten zugeben muss, dass er mir fehlt, dieser komische Nerd. Der Mann, der auch mit über dreißig noch Family Guy Shirts trägt und stets ein Repertoire an schlechten Witzen mit sich führt, allesamt geklaut und unzulänglich wiedergegeben aus der Serie The IT-Crowd.

Mein Nerd hat sich rar gemacht.

 

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