Mein Leben mit einem Nerd (5): Familientraum und Hochzeitswunsch

20131110_151433

Fotos: Laura Nunziante

An diesem Dienstag werde ich 27 Jahre alt. Das ist schlimm. Auf der einen Seite, weil ich auf die 30 zugehe und noch keine nennenswerte Drogen- oder Musikerkarriere vorweisen kann, geschweige denn mein Buch herausgebracht habe. Auf der anderen Seite, weil ich mich gut und gerne als das hormonelle Opfer meines Freundes bezeichnen darf. Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich bin das Opfer—mein Nerd ist der Täter.
Je älter ich werde, desto mehr mache ich mir Gedanken darüber, was ich eigentlich vom Leben will. So will es das Klischee, so will es der Saturn, der in diesem Jahr höchstwahrscheinlich in meinem Geburtshaus steht und mich zunehmend zwingt, alles noch einmal herumzureißen.
Das Ruder. Die Liebe. Den Controller. Dabei kann der hauseigene Nerd durchaus als Störfaktor fungieren, nämlich dann, wenn eine Frau alles erreichen will. Dem gemeinen Gamer geht es doch erstmal nur um das Erreichen des nächsten Levels.

Auftritt ich, Hormonschleuder, Ende Zwanzig, die schon beim Anblick eines grinsenden Babys im Automatismus mit Brustmilch gefüllt wird. Der Spezies Nerd hoffnungslos verfallen. Jener Art, die die Zukunft als eine perverse Stanley-Kubrick-Science-Fiction-Fantasie sieht, die letztlich sowieso nicht kontrolliert werden kann, außer von einer dunklen Macht. So stellt sich mir die Frage, was in zehn Jahren mit meinem Nerd und mir passieren wird? Was, wenn mein Nerd plötzlich erwachsen wird?20131110_152809Ich stelle mir folgende Szenarien vor:
Unser Sohn Luke-Sky sitzt auf meinem Schoß, während unsere Tochter Ripley aus dem Kinderzimmer aus vollem Halse schreit, weil die Windel voll ist. Ich bitte ihn nach dem Rechten zu sehen, aber auch er schreit gerade in diesem Moment. „Faaaiiiiil“, kommt es unkontrolliert aus dem Wohnzimmer. Die einhergehende Planung über den nächsten Angriff über Teamspeak gewinnt Oberhand über die Causa der Killerbakterien im Kinderzimmer.

Es ist Weihnachten. Ich schiebe die Ente in den Ofen. Moment. Halt. Plattenriss.
Da ist schon das erste Problem. Warum zur Hölle muss ich in diesem Bild eigentlich das Kochen übernehmen? Richtig, weil mein Nerd gerade seine Magic-Karten sortiert. Womöglich bindet er mich noch in diese obskure Aufgabe mit ein, so dass auch ich später Mana an den Weihnachtsbaum hängen muss anstatt roter Weihnachtsmänner aus Glas.

Es quietscht auf den Bänken dank herumrutschender Hintern unserer Verwandtschaft ob der Unbequemlichkeit. Jemand hustet in den letzten Reihen. Ein Kind schreit auf, dann verstummt es. Die Kirche ist andächtig ruhig. Der Nerd kommt, völlig außer Atem, in die Kirche gerannt.
Er hat sein Headset noch in seinen Haaren; im Eifer des letzten Gefechts konnte er es nicht mehr abnehmen. Der Pastor stellt uns die alles entscheidende Frage.

Ich sage Ja. Mein Nerd sagt: Lol.

Ich bin mir sicher, dass jede von euch, liebe emanzipierte Herzensschwestern, vermutlich eine ähnliche Fantasie beisteuern kann, die gruseliger anmutet als eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft. Wenn wir Frauen auf die 30 zugehen, werden wir uns immer bewusster, dass wir als Gamer-Girlfriends einen Vertrag eingegangen sind, der beinhaltet, dass wir ein normales Leben, wie Freunde und Familienmitglieder es kennen, mit einem einzigen Klick ausgeschaltet haben.

Natürlich besteht die Chance, dass unser Vollblut-Nerd noch zu einem normalen Typen avanciert—so wie der Frosch zum Prinzen. Aber wenn wir fortan dem Realismus in dieser Kolumne abtrünnig werden, dann muss uns auch klar sein, dass es eine Eigenschaft bei Männern gibt, die wir Frauen ganz besonders hassen: Unstetigkeit. Soll heißen, wir verteufeln den Nerd ob seiner fehlenden Sozialkompetenz, aber wenn er beschließt sich für uns zu ändern, sehen wir ihn als Mann ohne Ideale. Dann hat er sich verraten und am Ende auch noch uns, die ihn immer wieder vehement vor anderen verteidigen musste, wenn er uns ein Buch über die Abenteuer der Magic-Welt zum Geburtstag schenkte – anstatt eines Wochenendes in Paris. Mehr und mehr muss dem realitätsresistenten Nerd dann bewusst werden, dass wir Frauen in der Tat komplizierter sind als das Storytelling von GTA 5.

Liebe Gamer-Girlfriends, ich werde 27, das ist ja quasi kurz vorm Tod. Was also soll ich noch von einem Mann erwarten, der meinen Freundinnen Magic beibringen will, wenn sie gerade erst den Türrahmen betreten haben? Einem Mann, der es mit Anfang 30 nicht schafft, um neun Uhr bei der Arbeit zu sein, aber für ein Turnier um Punkt acht Uhr auf der Anmeldeliste steht? Der, wenn er krank ist, nicht von seiner Freundin gepflegt werden will, sondern von dem Schmeicheln des schaumigen Headsets, nebst einer stundenlangen League of Legends Session.20131110_153041Sehen wir also den Tatsachen ins Auge: wenn ich mit meinem Nerd zusammen bleibe, dann werde ich mir höchstwahrscheinlich einen Haushalt voller kleiner ebenso verrückter Nachkömmlinge großziehen, die mit Papa nicht Fußball spielen, sondern auf Klappstühlen die kleinen Finger auf große Karten richten und damit ihrem Gegner Lebenspunkte abziehen. Ich werde Bösewichter erschaffen, die sich irgendwann in das Computersystem großer Firmen einhacken und wie in schlechten, amerikanischen Thrillern dabei Band-Shirts tragen und pickelige Gesichter.

Jeden Lehrer werden sie als Endgegner sehen, nicht als Autorität. Kindergeburtstage werden fortan in dunklen Kellern mit Doppelsteckern verbracht, nicht etwa im Park um die Ecke.

Und das Schlimmste daran: ich kann nichts dagegen tun. Meine Liebe hat schon längst das nächste Level erreicht.

Weitere Episoden aus Lauras Leben mit einem Nerd:

You may also like...