Mein Leben mit einem Nerd (8): Wahre Liebe kennen nur die Nerds

Bildschirmfoto 2014-04-28 um 13.18.26Fotos: Laura Nunziante

Meine lieben Gamer-Girlfriends,
lange habt ihr nichts mehr von mir gehört.
Zu lange dauerte meine Heilung — dauerte es meine seelische Pein zu verarbeiten, bis ich heute wieder zu euch sprechen kann.

Die Leute sagen immer: nach einer Niederlage sollst du wieder aufs Pferd springen. Aber ich habe es vorgezogen, mich in den Stallungen eines verkrüppelten Gauls aufzuhalten. Noch immer sitzt mir der Schock in den Knochen.

Ich war feiern. Mit meinem Nerd. In der Öffentlichkeit.

Ein Nerd gegen die Konformität

Stellt ihn euch vor: Den Nerd meines Herzens, der im Matrix-Shirt auf einer Tanzfläche steht, und nicht so recht weiß, wofür ihm Arme und Beine gegeben worden sind. Stellt euch jene Randgruppen-Spezies auf dem Vormarsch vor, die sich so sehr anzupassen versucht, dass sie Schlagersongs mitgröhlt, deren bloßes Anklingen dem Indie-Fanatiker die Ohren in Van-Gogh’scher Manier beschneidet.

Der Bass dieser unsäglich lauten Partymusik wird zu einer Hymne der sozial Unverstandenden. Mittendrin: Ein ungelenker Zeitgenosse, der seine Gliedmaßen benutzt, um Normalität vorzuspielen, die ihm im Grunde nicht gegeben ist.

Das Licht ist gedämmt, orangefarben durchzogen. Wir alle stehen gereiht, die Luft nimmt uns den Atem. Wir alle wissen uns zu benehmen, uns dem Kreis der Konformität anzupassen — alle außer einem.

Sein Besuch in meiner Welt

Aber während ich mich ein wenig von meinem Nerd entferne, muss ich mit ansehen, wie er gleichzeitig Arme und Beine vom Körper schmeißt, wie es nur ein Irrer tun kann, der sein Haus das letzte Mal zum Release von Super Mario Kart 3 verlassen hat.

Er mag der Meister der Koordination auf dem Magic-Schlachtfeld sein. Nicht so in dunklen Clubräumen, die dem normalen Angestellten einen Ausweg aus seiner Misere mittels Alkohol versprechen.

Ich darf mich nicht beschweren. Schüchternheit kann ich meinem Nerd nicht vorwerfen.

Dennoch bereue ich unseren Besuch in der Öffentlichkeit. In der Sphäre, die ein Hindernis für den modernen Cyberkrieger darstellt, dessen Sprache die der Programmierer ist.

20130811_002723Als ich wenig später mit einem Gin Tonic an der Theke stehe, beobachte ich meinen Nerd aus dem Augenwinkel. Sein Tanz ist beendet. Seine Gliedmaßen liegen still am Körper.

Neben ihm steht ein Mann gleichen Alters, der ein Hemd mit kurzen Ärmeln trägt und seinen Haarschnitt der Natur überlassen hat. Sie beide lächeln sich an und gestikulieren begeistert mit den Armen — als gäbe es keine anderen Menschen, mit denen sie sich lieber unterhalten würden.

Als ich näher komme, höre ich, wie mein Nerd den Artgenossen zur Beschaffenheit eines Linux-Programms ausfragt. Leidenschaftlich diskutieren sie die Vorteile einer Open-Source-Software. Sie ächten die betrügerischen Mittel einer Designer-Marke aus Kalifornien. Die Menschen um mich herum — ganz ihrem Alter entsprechend — haben Spaß.

Wahre Leidenschaft

Ich hatte geglaubt, dass mein Nerd sich mit einem anderen Menschen über Politik unterhält — oder über Frauen, deren rote Lippen in eine vollkommen andere Welt führen, als jene von Zauberern und Ego-Shootern. Dabei war ich allerdings einer Farce zum Opfer gefallen.

Denn aus Erfahrung weiß ich längst, dass mein Nerd in öffentlichen Etablissements zu keinerlei emotionalem Hochglanz fähig ist, wenn es nicht um die Netzneutralität geht.

Das ist Leidenschaft, wie ich sie nur von meinem Künstlerdasein her kenne. Verspricht sie mir doch eine lebenslange Beziehung mit einem Mann, der mich niemals betrügen wird — außer es geht dabei um Quellcodes und Java Plug-ins.

Als ich abends nach ihm ins Schlafzimmer komme, sehe ich, dass mein Nerd vor seinem Magic-Livestream eingeschlafen ist. Wie anstrengend es doch sein muss, ein ganz normaler Mensch zu sein.

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Laura Nunziante

Laura Nunziante

Immer, wenn ein Laie behauptet, er schreibe ein Buch, dann stirbt irgendwo ein mittelloser Autor. Noch ist die freie Autorin aber voller Zuversicht, dass ihr etwas Lebenszeit bleibt — Folge Laura auf Twitter unter @ElisaCrockyard

Mehr von Laura Nunziante findest du auf ihrer Website: lauraelisanunziante.de


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