Mein Leben mit einem Nerd (9): Eine Freundschaft mit Nerds währt für die Ewigkeit

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Fotos: Laura Nunziante

Schon Wochen vorher hatte ich mich gefragt: Was machen langjährige Nerd-Freunde, wenn sie sich in ihrer alten Heimatstadt nach Jahren wiedertreffen? Richtig: Sie organisieren kurzerhand ein Magic: The Gathering-Turnier.

An einen sonnigen Tag an der Weser war heute nicht zu denken. Zehn Nerds hatten sich in den Kopf gesetzt, sich in einen Garten zu setzen und stundenlang Magic zu zocken.
Es ist früh am Morgen, der Geburtstag vom gestrigen Abend lange vergessen. Mein Nerd und ich sind verkatert — ich muss mich zusammenreißen, um mein Frühstück bei mir zu behalten.

Ich frage ihn, ob wir uns nicht an den See legen wollen, um auszukurieren, den Alkohol auszuschwitzen. Schließlich sollte es am Abend wieder zurück in die Wahlheimat gehen und ich hatte in der Nacht wenig geschlafen.

„Ohne Magic, ohne mich!“

An einem Wochenende ein Magic-Turnier ausfallen lassen? Ich hätte ihm genauso gut eröffnen können, dass ich gerade der Hamas beigetreten war.

Das ist keine Diskussion, die man mit einem Vollzeit-Nerd führen kann. Da seine Spezies grundsätzlich nicht abgeneigt ist bei übermäßiger Sonneneinstrahlung im Bett liegen zu bleiben, oder im Kellerzimmer wo seine geliebte PC-Station steht, ist auch für ein spontanes Zusammenkommen im Zeichen des Magic keine Entschuldigung zu finden.

Er ist nicht an einen anderen Ort in der Welt zu bewegen. Ich wurde mit meinem irdischen Anliegen gleich abgeblockt.

Eine Woche ohne Magic: nuklearer Fallout

Wohlgemerkt zeigte hier derselbe Mensch Pflichtbewusstsein, der normalerweise zwölf Wochen braucht, um einen Deckenventilator in der Wohnung anzubringen — natürlich niemals so geschehen in der unseren! Es ist derselbe Nerd, der Stunden zu spät auf der Arbeit erscheint, aber jede Minute, die er zu spät zu einem Turnier kommt, gleichsetzt mit einem nuklearen Totalkrieg.

Als wir also in überdeutscher Pünktlichkeit in dem kleinen Bremer Schrebergarten ankommen, sind wir mitunter die Ersten. Obgleich mein Nerd in seinem Freundeskreis dafür bekannt ist, erst Tage nach einer vereinbarten Uhrzeit am Treffpunkt anzukommen. Sogar der Wecker wurde an diesem Tag auf wundersame Weise bereits vor dem Erklingen gehört.

Ein Zelt wird aufgebaut und mehrere Bierbänke, so dass die Sonneneinstrahlung nicht beim Spielverlauf stört. Getränke werden bereitgestellt und Aschenbecher. Fehlt nur noch, dass sich die Spielenden extra Urinhilfen an die Hosen binden, so dass das Spiel nicht für einen unnötigen Toilettenbesuch unterbrochen werden muss.

Magic: The Gathering of the Nerds

Nach und nach trudeln die Nerds ein. Nur wenige Worte der Begrüßung werden gesprochen, gleichwohl aber — beinahe zeitgleich — die Magic-Untermappen auf die Tische gelegt; die Würfel und Karten in perfekter Symmetrie aufgebaut. Auch sind sie normal gekleidet. Ich sehe nur wenige Bandshirts mit neongrünem Pentagramm. Lange Haare bleiben weitestgehend aus.

Das große Highlight des Tages naht schon: Die Booster werden verteilt.

Ein warmer Sommertag. Kein Windchen weht. Im Gebüsch raschelt ein Tier. Dann herrscht absolute Stille. Wir Spielerfrauen, die sich auf einer Decke ausgebreitet haben um die Sonne zu genießen, während unsere Nerds dem Magic frönen, lauschen einem andächtigen Naturereignis: Ein Stück Plastik öffnet sich, ein Raunen geht durch die Nerd-Menge. Aus dem andächtigen Geflüster wird offene Zurschaustellung der Freude über die neu errungenen Karten.

Das Spiel kann losgehen.

20140525_162325-2Das Spiel ist ein zehnstündiger Marathon mithilfe nur einer einzigen, dämlichen Karten-Kombination. Jeder der Anwesenden muss gegen Jeden spielen. Erschöpfung wird nicht sichtbar. Auch kurze Trinkpausen sind nicht eingeplant und der Grill, der extra zu diesem Jahrhundertereignis aufgebaut wurde, ist nur Nebenbuhler, um ein Spiel, das so oder so ähnlich jeden Samstag in deutschen Kleinstädten stattfindet.

Und doch ist heute alles anders: Man spielt mit Freunden.

Nerds, die mit Freunden spielen, sind ein Indiz dafür, dass auch Spiele wie Magic, World of Warcraft und Co. einem gesunden Sozialleben nicht im Weg stehen. Ein Beweis, dass das Klischee des verpickelten Stubenhockers überholt ist. Der moderne Nerd wird genauso zum Teil der Gesellschaft, wie Menschen, die stattdessen Versicherungsvertreter oder Bürokaufmann geworden sind.

Der Ruination Wurm ist Symbol der Freundschaft

Zwar drehen sich die meisten Unterhaltungen um nur ein Thema. Wie viel Punkte welche Karten haben, welches Mana bei welchem Spielzug am meisten Sinn ergibt — ja selbst das Wiedersehen eines jahrzehntelangen Freundeskreises steht dabei unter dem Stern des Ruination Wurms.

Aber nicht umsonst wird schon lange in den Medien und der Weltöffentlichkeit von der Weltherrschaft der Nerds™ gesprochen. Und vielleicht sind auch wir an diesem Tag Zeuge geworden, wie die nächsten Silicon-Valley-Anwärter in einem kleinen Bremer Schrebergarten ihre ersten Schritte gingen.

Was auch immer aus diesen beinahe vorgezeichneten Karrieren wird: Ich halte dich auf dem Laufenden.

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Laura Nunziante

Laura Nunziante

Immer, wenn ein Laie behauptet, er schreibe ein Buch, dann stirbt irgendwo ein mittelloser Autor. Noch ist die freie Autorin aber voller Zuversicht, dass ihr etwas Lebenszeit bleibt — Folge Laura auf Twitter unter @ElisaCrockyard

Mehr von Laura Nunziante findest du auf ihrer Website: lauraelisanunziante.de


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