Mein Leben mit einem Nerd (6): Nerdporn

Liebe Gamer-Girlfriends, es ist ein Ärgernis, wenn der Nerd nur am Wochenende die gemeinsame Wohnung betritt. Aber noch ärgerlicher ist es, wenn das älteste Bedürfnis der Welt dabei zu kurz kommt. Nicht so aber letztes Wochenende.

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Fotos: Laura Nunziante

Langsam tritt er ein. Ich höre den Schlüssel, schon bevor er das Schloss richtig ins Loch trifft. Seine Schuhe Budapester Art klacken auf dem Parkett, leise schließt er die Tür hinter sich.

“Wie lange habe ich darauf gewartet”, flüstere ich, wartend, im Schlafzimmer, mit nichts unter der Bettdecke bekleidet, außer einem roten Negligé.

“Ich auch”, flüstert er zurück.

Aber er kommt nicht ins Schlafzimmer, sondern geht weiter durch den scheinbar endlos langen Flur. Er öffnet die Tür zum Wohnzimmer, zu seinem Reich, in dem er sich aufhält, wenn das Wochenende kein Magic-Turnier für ihn bereit hält. Aber an diesem Wochenende, das hatte er mir versprochen, sollte es anders sein. Es ist Zeit für das älteste Bedürfnis der Welt.

Ich husche aus dem Bett und folge ihm, leise, auf nackten Füßen, schüchtern, um zu sehen, was er für mich vorbereiten will. Im Wohnzimmer ist es dunkel. Zwei große, lange, Kerzenständer stehen auf der Fensterbank und erleuchten den Raum. Die schweren Gardinen sind zugezogen und den Glastisch zwischen den Ledersofas hat er beiseite geräumt. Stattdessen liegt dort eine Decke ausgebreitet, die wie ein Tigerfell aussieht.

“Ist es soweit?”, frage ich ihn lüstern.

Er antwortet, “Ja, es ist”, während er sich langsam, Knopf für Knopf, das Hemd auszieht, ohne dass er dabei den Blick von mir lassen kann und darunter ein weißes Rippenshirt hervorblickt. Ich kann das alles kaum glauben. Hatte ich doch diese Woche nur ein ein einziges Mal mit ihm telefonieren können. Die unzähligen League of Legende Meisterschaften waren wieder wichtiger als heißer Skype-Sex. Ein dummes Missgeschick, wie ich jetzt befinde, nichts weiter.

“Wollen wir?”, frage ich. Ja, ich will sein Attachment sein.

Er nickt und streicht sich eine Locke von der Stirn, von der man sonst nur die Schweißperlen tropfen sieht, wenn eine der Magic-Karten, die er sich im Internet bestellt hat, auf dem Postweg beschädigt worden ist.

“Ich hole nur noch kurz etwas”, sagt er und verschwindet wieder im Schlafzimmer. Ich setze mich aufs Sofa, mein Herz schlägt bis zum Hals. Mir ist ein bisschen kalt unter dem roten, kurzen Nachthemd geworden, aber in diesem Moment steht er schon wieder hinter mir und hat das Feuer im Ofen entzündet.

“Bist du soweit?”, fragt er mit säuselnder Stimme und zwinkert mir leidenschaftlich zu. “Komm her”, sage ich und winke ihn heran. Nie habe ich seine Engine mehr gewollt, als in diesem Moment.

“Du musst dich gedulden”, sagt er. “Noch ist nicht alles vorbereitet.” Er zieht einen schwarzen Schal hinter seinem Rücken hervor, dreht mir den Kopf sanft nach vorne und verbindet mir die Augen. Dann küsst er mich auf den Hals. Ich lege mich lang auf das Sofa und warte, dass er endlich den ersten Schritt macht. Ich will Access. Kein SPAM.

20131211_123311Die Sehnsucht einer ganzen Woche liegt neben mir. Ein kalter Wind streift meinen Arm. Ich höre nur, wie in der Weite des Raumes eine Schublade aufgeht und frage mich, was wohl wartet in dieser Schublade. Es kann nur noch wenige Minuten dauern, bis ich mich seiner Libido hingeben darf. Dann höre ich ein verräterisches Tippeln.

“Was ist das?”, frage ich verwirrt. Aber er antwortet nur: “Pssst, ich habe nur eben etwas nachgeschaut. Es ist nichts weiter.” Ich höre, wie er den Laptop zuklappt. Dann ertönt leise, melancholische Soulmusik. Ich spüre seine Anwesenheit wieder über mir, er nimmt meine Hand und lässt sie langsam an seinem Hosenbein herunterfahren.

“Hier, halt das”, sagt er. Es ist ein längliches, hartes, bis zum Schaft rundes Gerät, das ich jetzt zitternd in den Händen halte.

“Ist es das, was ich denke?”, frage ich naiv, mit jungfräulicher Unschuld in der Stimme. Lächelnd ertaste ich es. Gnubbelartige Knöpfe gleiten durch meine Fingerspitze. Ich lecke daran entlang.

“Es geht los”, sagt er mit seiner tiefen, dunklen Stimme.

“Endlich”, flüstere ich sehnsuchts-verheißend und weiß, dass er der Richtige für mich ist. All das Gerede von meinen Freundinnen über seinen nerdischen Eigenarten ist an diesem Abend in den Hintergrund getreten. Endlich zeigt er sein Real-Life-Face.

Doch dann, plötzlich, das Licht geht an, er zieht mir den Schal herunter, der Raum ist erhellt. Er legt mir eine Decke über und ich blicke direkt auf den Fernsehbildschirm. Ich sehe ein paar Cadillacs und einen Mann im weißen Unterhemd, fast so eines wie er es gerade trägt. Ich ahne es, will mich aber vergewissern. Ich schaue in meinen Schoß. Da liegt es, das vermeintliche Liebesspielzeug: ein schwarzer, langer Controller.

“Also den musst du drücken, damit er nach vorne läuft und den, damit er die Waffe rausziehen kann.” Ich beobachte ihn, will ein Zeichen in seinem Gesicht lesen, und doch, seine halb offenen Lippen verraten die Wahrheit. Wenn mein Nerd etwas während der Woche vermisst hat, dann war es seine Spielkonsole.  Wütend renne ich aus dem Raum und schmeiße mich aufs Bett.

“Ich muss nur noch den Zuhälter töten und mir ‘nen Lap-Dance von der Nutte abholen, dann bin ich nächsten Level”, höre ich ihn aus dem Wohnzimmer rufen. Aber ich bin mit den Gedanken schon wieder woanders—bei lächerlichen Groschenromanen und der Hoffnung, dass mein Nerd sich irgendwann doch noch ändern wird. Was ein Cheater, denke ich mir. Error. Error. Disconnect.

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