Review: Ein Hörbuch rettet das Brettspiel „Maus & Mystik“ vor seinen größten Problemen

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Fotos: Dominik Schönleben

Bereits 2013 erschien die deutsche Version das Brettspiels „Maus & Mystik“. Ein Dungeon-Crawler mit knuffigen Mäusen, die versuchen mit Nadel-Rapier und Knopfschild ein Königreich zu befreien. Doch erst jetzt wurde das größte Problem des Spiels behoben. Anstatt Errata oder Neuauflage brauchte das Spiel einen Soundtrack.

Es gibt mittlerweile viele Dungeon-Crawler — also Spiele, bei denen es darum geht, mit einer Gruppe Helden durch ein Verlies zu streifen, Monster zu töten und eine meist zusammenhängende Geschichte zu erleben — aber „Maus & Mystik“ sticht hervor: Die Helden sind keine von Tolkien inspirierte Fantasyhelden, sondern niedliche, humanoide Mäuse. Einer der größten Anziehungspunkte des kooperativen Brettspiels für bis zu vier Spieler ist die herzzerreißende Umsetzung dieses Konzeptes, inklusive der großartigen Mäuse-Miniaturen. Sie sind quasi der Unique-Selling-Point. Und die Aufmachung des Spiels hätte nicht besser sein können, jedoch hat das Spiel ein paar Fehler.maus-mystik-5

In „Maus & Mystik“ spielt man als Gruppe vier Mäuse, die die klassischen Fantasy-Archetypen abbilden: Krieger, Magier, Bogenschütze und Schurke. Man entscheidet sich für eines von 11 Abenteuern, die auch als Kampagne gespielt werden können und erhält einen Auftrag, den man erledigen muss. Anstatt wie in vielen anderen Dungeon Crawlern werden die Bösen nicht von einem weiteren Spieler gesteuert, sondern vom Spiel automatisch. Was „Maus & Mystik“ zum vollwertigen kooperativen Spiel macht.maus-mystik-2

Die Handlungsmöglichkeiten im Spiel sind klassisch für Dungeon-Crawler: Bewegen, Angreifen oder den Raum nach weiterer Ausrüstung durchsuchen — stets unter Zeitdruck, denn nach einer bestimmten Zahl von Seiten ist das Spiel vorbei. Doch die Seiten sind hier keine Runden, sondern zählen nach einem sehr seltsamen und wenig intuitiven System nach oben: Beim kämpfen — und auch nur hier — können die Gegner das Käse-Symbol würfeln. Sechs Käse bilden ein Käserad, was weitere Gegner und die nächste Seite mit sich bringt. In den meisten Fällen ist es also sehr zufällig, wann und wie schnell die Seiten vorwärts schreiten. Würfelt man viel Käse für die Gegner, wird das Spiel härter und ist schneller zu Ende. Das wirkt unfair, da man diesen Mechanismus nur durch Fähigkeiten der Mäuse beeinflussen kann — aber natürlich nur dann, wenn man sich die passenden Mäuse am Anfang ausgesucht hat.maus-mystik-8

Der Käserad-Mechanismus interagiert leider auch recht unintuitiv mit dem Rundenablauf: Falls keine Gegner in dem Raum sind, in dem man sich befindet, wird am Ende der Runde ein Käse auf das Käserad der Gegner gelegt. Das gibt dem Spiel einen gewisse Dringlichkeit, die die Spieler zur Eile zu animiert — damit sie nicht rundenlang denselben Raum nach der besten Ausrüstung suchen können. Das ist logisch und macht Sinn, aber ein anderer Mechanismus führt in Verbindung damit zu einem äußerst kruden Spielablauf.maus-mystik-6

Wenn man einen Raum verlässt, wird die Reihenfolge der Charaktere neu bestimmt und die Runde startet neu. Dieser Mechanismus führt dazu, dass folgendes Spielverhalten der beste Weg ist, im Spiel ohne unnötigen Zeitverlust weiter zu kommen: Sind alle Gegner im Raum besiegt, durchsucht man mit allen anderen Mäusen, die diese Runde noch nicht am Zug waren, den Raum nach Ausrüstung. Die letzte Maus, die am Zug ist, geht dann zum Ausgang des Raums und betritt den nächsten. Dadurch werden alle Mäuse automatisch in den Eingang des nächsten Raums gebeamed und dort werden die neuen Gegner aufgestellt. Auf diese Weise muss man am Ende der Runde keinen weiteren Käse aufs Rad legen. Die Runde wird einfach durch das Betreten des Raumes zurückgesetzt.maus-mystik-1

Dieser anfangs schwer verständliche Mechanismus macht das Spiel nicht besonders einsteigerfreundlich. Ein befreundetes Pärchen, mit dem wir das Spiel gespielt haben, war zwar sofort von der Aufmachung und der Grundidee des Spiels fasziniert. Es war ihnen aber schwer zu vermitteln, warum wir so spielen sollten — sie akzeptierten es einfach, weil sie den Spielfluss nicht stören wollten. So etwas ist äußerst bedenklich, bei einem Spiel, das von seiner Aufmachung her eigentlich auch mit Kindern spielbar sein sollte. Das eine Geschichte erzählt, die weitaus geeigneter für Eltern mit Kindern ist, als für eine Gruppe Erwachsene.

maus-mystik-7Dazu kommt, dass das Spiel nicht skalierbar ist. Die Spieler steuern in jedem Abenteuer vier Mäuse gleichzeitig, unabhängig von der Spielerzahl. Das verhindert die Identifikation mit dem eigenen Spielfigur und überfordert neue Spieler, die plötzlich zwei Charaktere gleichzeitig steuern müssen. Es wäre wirklich schön, wenn die Zahl der Gegner mit der Zahl der Spieler skalieren würden.maus-mystik-4

Das System mit dem die Figuren ihr Level-Up bekommen äußerst unbefriedigend: Wer selbst Käse im Kampf würfelt, erhält ähnlich wie die Gegner Käse. Sechs gesammelte Käsestücke können dann für ein Level-Up eingetauscht werden, was bedeutet, dass man sich eine weitere Fähigkeit aussuchen kann. Leider muss man den selben Käse auch zum Einsatz der Fähigkeiten benutzen, steht also konstant im Konflikt zwischen: Soll ich eine weitere Fähigkeit lernen oder mir lieber den Käse aufheben um meine bereits gelernten Fähigkeiten einzusetzen? Da der Käse auch nur eines von sechs Symbolen auf dem Würfel ist, ist seine Verteilung völlig zufällig und nicht etwa ein Trostpflaster für einen misslungenen Angriff. Es ist also eher frustrierend, wenn ein Mitspieler den Käse hortet, während man selbst einfach nur so jeden Angriff verfehlt.

Die Regeln von „Maus & Mystik“ sind für ein Spiel dessen Komplexität eigentlich gar nicht so hoch ist, erstaunlich schlecht geschrieben. Selbst nach mehrfachem Spielen haben wir immer wieder Details entdeckt, die wir in vorhergehenden Runden falsch gespielt haben. Nicht weil wir nicht ordentlich gelesen haben, sondern weil relevante Regeln zu einem Thema oftmals über mehrere Abschnitte verteilt sind oder extrem umständlich erklärt und mehrdeutig interpretiert werden können.maus-mystik-3

Der Soundtrack

Was uns bisher aber am meisten störte an „Maus & Mystik“, waren die langen Vorlesetexte, die den Spielfluss aufgehalten haben. Die zum Teil seitenlangen Texte am Anfang einer Kampagne oder Abenteuers zeigen, wie gut das Spiel von seiner Aufmachung für ein gemeinsames Spiel von Erwachsenen mit Kindern geeignet ist — wenn die Regeln dafür nicht zu kompliziert wären. Leider blicken bei einem Spiel mit Erwachsenen die Hälfte der Leute bereits aufs Smartphone, wenn einer der Spieler anfängt in schlechter Erzählerstimme vorzulesen und sich ständig dabei verhaspelt.

Jetzt mit dem neuen Soundtrack entfällt dieser tröge Teil. Während dem Aufbau des Spiels lässt man ihn einfach laufen. Das bringt die Spieler perfekt in Stimmung für das Spiel, ohne sie zu langweilen. Der Soundtrack zum Spiel kommt zwar nicht an ein perfekt produziertes Hörspiel heran, erfüllt aber völlig seinen Zweck. Es gilt zu hoffen, dass weitere Hörspiele auch für die Expansionen „Herz des Glürm“ und „Geschichten aus dem Dunkelwald“ folgen werden. Wir möchten das Spiel nicht mehr ohne erleben müssen. Er war für uns neue Motivation, das Spiel trotz seiner etwas kruden Regeln und Macken doch noch Mal um Mal rauszuholen und trotzdem zu genießen.

Die deutsche Version von „Maus & Mystik“ erschien vom Heidelberger Spieleverlag. Das Hörspiel stammt von Studio Yellow King Production. Eine englischsprachige Version gibt es hier.

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