Two-Headed Love: Wie mein Nerd und ich ein Magic-Turnier gewannen und unsere Beziehung retteten

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Fotos: Laura Nunziante

Liebe Gamer-Girlfriends,
vermutlich wird dies meine letzte Kolumne sein. Etwas Eigenartiges hat sich in meiner Welt zugetragen. Wie würdet ihr reagieren, wenn ich euch verriete, dass mein Nerd und ich am Wochenende auf einer tieferen, spirituellen Ebene zueinander gefunden haben? Dass ich seither in den Fängen der Nerd-Maschinerie stecke und nicht gedenke wieder auszusteigen?

Ich habe große Kunde auf dem Marktplatz des Internets hinauszuschreien: Mein Nerd und ich haben das Two-Headed Giant Prerelease gewonnen. Gemeinsam, Hand in Hand, Two-Headed Love, wie sie im Regelwerk steht. Und mit gewonnen meine ich nicht etwa einen lächerlichen zweiten Platz, der schlimmer anmutet als ein achter. Nein, ich rede vom ersten Platz, der dem Pro-Gamer unermesslichen Ruhm beschert. Mein Nerd und ich, wir stehen im Zenit unseres Erfolgs.

Dabei wollte ich den JFK Entertainment Laden an jenem schicksalshaften Samstag gar nicht betreten. Derjenige, der meine Kolumne aufmerksam liest, weiß, dass ich wenig bis gar nichts halte vom Nerdtum und eher von den Schattenseiten des Zusammenlebens mit einem seiner Anhänger zu berichten weiß. So schleppte ich mich aus purer Liebe in die Höhle der Vollblut-Nerds, in der ich mit Schweißgeruch, gesenkten Blicken und zusammenbrechenden Klappstühlen empfangen werde. Alles um gelangweilt dabei zuzusehen, wie mein Nerd Booster aufreißt, um unser Deck zusammenzustellen.

Dann und wann stellte ich gezielte und ausgeklügelte Nachfragen. (= “Was bedeutet die da? Und die da? Und die da? Was ist das für eine?”) Schon bald aber konnte ich nur noch gelangweilt zuschauen, auch als mein Nerd zwischendurch aufgellte:  “Boah Laura Alter, (= ja so werde ich von meinem Nerd genannt), ich hab’ hier eine Rare aufgemacht!” (= eine Karte, die viel Wert ist, weil sie nur wenige Male gedruckt wurde.) Als die erste Runde startete, waren meine Erwartungen bezüglich dieses Abends eher auf dem Tiefpunkt angekommen. Ich schaltete ab. Ließ mich gehen. Wartete.

Sie wurden vernichtend geschlagen

Wir gewannen die erste Runde. In nur 15 von 45 vorgegebenen Minuten überrannten wir unsere Gegner so schnell, dass diese nicht mal mehr Karten nervös in ihrer Hand aneinander reiben konnten. Während ich mit geringen Manakosten Kreaturen aufbaute, zerstörte mein Nerd die größten Bedrohungen mit Zaubersprüchen.

Endlich hatte ich das Spiel verstanden. Es gefiel mir. Ach was, ich liebte es! Die Magie des Magics hatte mich vollständig in ihren Bann gezogen. Ich wollte weiterspielen. Um jeden Preis. Also zogen wir unsere Masche durch. Die zweite Runde gewannen wir in nur zehn Minuten mit exakt derselben Taktik. Sie wird in unserem Haushalt fortan nur noch „Mit Hass und Arroganz“ genannt. Ich spiele Aggro und mein Nerd supportet mich. So wie im Real-Life.

Während die anderen Nerds ruhig und bedächtig ihre Siege oder Niederlagen einfuhren, kreischte ich jauchzend auf — ich tanzte siegestaumelnd um meinen Nerd herum, während er mit mir immer wieder auf- und absprang, um gen Sonnenuntergang der Nerd-Galaxie zu laufen. Unsere Liebe hatte ein weiteres Mal kurz vor Beendigung einen Nenner gefunden. Und wir, wir ließen uns mit ihr treiben.

Pures Anfängerglück gepaart mit der immensen Erfahrung meines Nerds rangierte uns in die obersten Ränge der Magic-Liga. In nicht mehr als 15 Minuten pro Spiel fuhren wir unsere Siege ein. Zehn neue Booster durften wir danach unser Eigen nennen. Arm in Arm gingen wir nach Hause. Kuschelten uns zusammen ins Bett. Um uns dort gegenseitig die weitere Taktik für den nächsten Spieltag ins Ohr zu flüstern. Erst heute weiß ich, was knisternde Erotik überhaupt bedeutet.

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Und jetzt? Jetzt habe ich mein eigenes Deck. Ich lache meinen Nerd nicht mehr aus, wenn er mir erzählt, welchen Zug er gegen den Gegner gespielt hat, denn ich selbst rede seit einer Woche nur noch von Magic. Ich rufe meinen Nerd in der Mittagspause nicht mehr an, um zu fragen, was wir abends essen wollen — ich frage ihn nur noch, wann wir uns zum Üben treffen.

Liebe Gamer-Girlfriends. Ich bin jetzt auch so ein komischer Nerd. Ich habe euch betrogen. Dies ist mein Abschied vom normalen Leben. Aber es fühlt sich gut an.

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Laura Nunziante

Laura Nunziante

Immer, wenn ein Laie behauptet, er schreibe ein Buch, dann stirbt irgendwo ein mittelloser Autor. Noch ist die freie Autorin aber voller Zuversicht, dass ihr etwas Lebenszeit bleibt — Folge Laura auf Twitter unter @ElisaCrockyard

Mehr von Laura Nunziante findest du auf ihrer Website: lauraelisanunziante.de


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