Vereint in der Dunkelheit

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Foto: Dominik Schönleben

Ich lehne meinen Rücken an die kalte Steinmauer und suche halt, taste über die schroffen Kanten der nassen Mauersteine. In diesem Moment begreife ich, dass schwarz nur eine billige Metapher für die Finsternis der Nacht ist. Eine Lüge, denn die Nacht ist grau und voller Schatten. Sie besteht aus dem letzten Hauch des Zwielichts, das uns erahnen und fürchten lässt. Was mich umgibt sind nur die eingebildeten Schwaden der ewigen Dunkelheit. Ich bin Blind — oder was dem am nächsten kommt.

In der ferne höre ich hupende Autos, ein Gewirr aus Stimmen, eine ruft nach mir: „Dominik, hier entlang.“ Mein rechtes Auge wirkt taub. Die rötlichen Linien, das Wabern der ewigen Dunkelheit tanzt vor meinen Augen, Punkte blitzen auf und ich glaube für einen Augenblick die Farben des Regenbogens in ihnen zu erkennen. „Das sind Einbildungen“, sagt Mario, der mich durch diese Welt führt. „Das Auge will sehen, was es nicht zu sehen gibt.“ Mir wird schwindelig, aber ich muss weiter, klappere mit meinem Blindenstab über den Boden und taste mich in Richtung des Straßenlärms.

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Foto: Dominik Schönleben

Ich bin am Hamburger Hafen. Knapp 700 Meter Luftlinie von der Elbphilharmonie entfernt, in einem ehemaligen Lager der Speicherstadt, findet der „Dialog im Dunkeln“ statt. Mein Führer Mario ist Blind, war es schon von Geburt an. Er leitet mich und drei weitere Besuchern durch die völlige Finsternis. Die Räume dieses Labyrinths sind völlig von der Außenwelt abgeschirmt. Sie sollen eine Illusion erschaffen, wie blinde Menschen die Welt erleben. Die einzigen Sinne auf die man sich hier verlassen kann, sind Hören und Fühlen.

So stolpere ich durch die nagende Schwärze, stütze mich an der Wand und tapse langsam in Richtung des Straßenlärms. Das unregelmäßige Hupen und Motorgeheule wird plötzlich von einem beißenden Ton durchbrochen. Ein Klacken, das wie das Schnalzen einer mechanischen Zunge unaufhörlich wiederhallt. Dann schrillt es plötzlich los und wird zu einem irren Surren. Wir dürfen die Straße überqueren. Mario und die anderen sind bereits voraus. Sie rufen nach mir.

Mein Schwindel wird schlimmer, ein Quietschen, lautes Hupen von rechts, es wird schwer sich zu konzentrieren. Ohne mein Augenlicht habe ich verlernt, die Welt zu filtern, alles prasselt auf mich ein. Ich lasse den Blindenstab über den Boden kreisen, damit ich den Bordstein nicht verfehle. Ein klirren auf Metall. Ich habe ein Auto gestreift, taste mich an ihm vorbei, stolpere fast über den Bordstein, will einfach nur weg vom Lärm. Die Dunkelheit empfängt mich mit Stille, als ich die Großstadt-Simulation hinter mir lasse.

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Foto: Dominik Schönleben

„Mir ist es am wichtigsten, den Menschen die Angst zu nehmen“, erzählt Mario später, als wir im Dunkel-Café ankommen. Bei einer Tasse Kaffee fangen wir an, mit ihm zu plaudern. Jetzt beginnt der eigentlich „Dialog im Dunkeln“. Die finstere Wirklichkeit in die wir zuvor geschickt wurden, sollte uns auf den Moment vorbereiten. Wir sind dem Leben ohne Augenlicht für diesen kurzen Moment so nah wie noch nie, können versuchen uns in Marios Leben hineinzuversetzen. Wenn auch nur für diesen einen Augenblick — für ein Gespräch — bewohnen wir mit ihm dieselbe Welt.

Ich versuche mir vorzustellen, wie mein Leben als Blinder wäre. Welche Hobbys ich aufgeben, welche Berufe und Freundschaften mir verwehrt blieben? Meine Stimme sonst laut und aufbrausend, wird still und zurückhaltend. Vorsichtig, so wie ich mich durch das Labyrinth manövriert habe, taste ich mich durch das Gespräch. Doch Mario wirkt zuversichtlich, erzählt, wie er Karten spielen würde, ohne die Karten zu sehen, oder wie er auch ohne Augenlicht Air-Hockey spielt. Es ist ein kleiner Einblick darin, wie wie er die Welt erlebt. Meine Gedanken kreisen: Wie sieht Mario wohl aus? Ich erkenne, wie wichtig es für mich ist, die Welt so zu bewerten. Ein Bild eines gemütlichen, runden Gesichts, vielleicht mit einem Vollbart, entsteht vor meinem inneren Auge. Alles reine Fantasie.

Während meine Welt sonst direkt vor meinen Augen existiert, entsteht sie jetzt so wie Marios in meiner Vorstellung. Mario erzählt, dass er hören kann, wie groß Räume sind und wie er Menschen an deren Stimmen lokalisiert. Während mir die Welt des „Dialog im Dunkeln“ mit seinem Urwald, seiner Bootsfahrt, dem Café, der vielbefahrenen Straße und dem Supermarkt riesig erscheint, offenbart sich die Banalität der Realität: die Ausstellung umfasst nur 500 Quadratmeter.

Die Idee, Blinde und Sehende im „Dialog im Dunkeln“ zusammen zu führen stammt vom deutschen Radiomoderator Andreas Heinecke. Den erster Kontakt mit einem Blinden hatte er, als er mit einem Kollegen zusammen arbeiten sollte, der bei einem Autounfall sein Augenlicht verlor. Aus diesem Erlebnis entstand 1988 seine erste Ausstellung in Frankfurt, als Brücke zwischen zwei Realitäten. Beide vereint für einen kurzen Moment in der Dunkelheit.img_0587

Mario hebt einen Vorhang und führt uns aus der Dunkelheit. Ich erkenne den vagen Schimmer von Licht hinter einem durchlässigen Stück Stoff, die ersten Schemen kehren in meine Welt zurück. Die graue Finsternis der Nacht kehrt zurück, ist wie eine Umarmung in der ich beginne mich wohl fühle. Die Umrisse meiner Hand sind wieder zu erahnen, wenn ich sie vors Gesicht führe. Als ich durch den letzten Vorhang trete, kehrt das Licht auf einen Schlag zurück.

Die Welt wirkt körnig und verschwommen, wie ein schwarz-weiß Foto, das bei zu wenig Restlicht fotografiert wurde. Ein vom Licht angestrahltes, aufgeschlagenes Gästebuch durchtrennt die Realität wie ein weißer Monolith. Das grelle Licht beißt in meinen Augen, schmerzt. Die Welt ist immer noch grau, doch dann kehren langsam die Farbe zurück. Und ich kann wieder sehen — was zurück bleibt ist die vage Ahnung, wie es sich vielleicht anfühlt, Blind zu sein.

Der „Dialog im Dunkeln“ ist eine permanente Ausstellung in Hamburg, die man in einer Führung mit bis zu acht weiteren Personen besuchen kann. Ein Ticket für Erwachsene kostet 21 Euro.

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