Warum Trading Card Games nerven

IMG_20130209_001643Nachdem mich der “Trading”-Aspekt von Magic: the Gathering in letzter Zeit immer mehr stresst, bin ich dazu übergegangen vermehrt Living Card Games (LCG) zu spielen.

Das sind Games, die zwar nach dem Deckbau-Prinzip von Magic funktionieren, aber bei denen du Karten nicht zufällig, sondern immer im Komplettset kaufst. Es erübrigt das nervige Hinterherlaufen bei Staples (d.h. besonders spielstarke Karten, die du für jedes Deck brauchst) und verhindert, dass ständig Leute beim Spielen durch Tauschen abgelenkt werden. Außerdem spart es Unmengen an Geld.

Mal abgesehen davon, dass mir einfach die Zeit fehlt mich ständig darum zu kümmern, ob ich auch alle Karten für ein neues Deck besitze, die ich brauche, bleiben einem meist nur zwei Möglichkeiten bei Spielen wie Magic: Entweder du akzeptierst, dass dein Deck nicht die optimalen Karten spielt oder du investierst verprasst viel Geld für den Kauf von Einzelkarten bei magickartenmarkt.de (ja, ich kenne Tauschen, aber wer macht das heute wirklich noch?). Abgesehen davon, möchte ich meine Zeit lieber in das Bauen von neuen Decks investieren, anstatt in das Besorgen von Karten. Deshalb bin ich so angetan davon, dass es immer mehr Spiele gibt, die das Trading-Kozept hinter sich lassen. Es führt nicht nur zu weniger Stress auf meiner Seite, sondern vermeidet das arme Leute sich nicht ständig aufregen müssen, wenn irgendwelche Karten angeblich zu krass sind, die sie nicht besitzen. Was der Atmosphäre am Tisch meist ohnehin nicht zuträglich ist. Auch in Turnieren erhöht sich zwangsläufig die Stärke des durchschnittlichen Spielers, weil es keine Leute mehr gibt, die mit suboptimalen Decks rumdümpeln, weil sie sich das beste Deck nicht leisten können. Das kann der Turnierszene auf der unteren Ebene nur gut tun. Die Leute, die sich daran aufgeilen andere Leute mit ihrem Geldbeutel zu verprügeln, können ja weiterhin das Legacy-Format bei Magic spielen oder lieber gleich ihr Geld für eine Schwanzverlängerungs-OP ausgeben!

Woher kommen die LCGs?

Meine persönliche Theorie, warum das Konzept sich so verbreitet, ist folgende: Früher gab es viele Trading Card Games, die als Lizenzprodukte vermarktet wurden. Beispiele sind Star Wars, Star Trek, Dragon Ball, Pokemon oder — du glaubst es kaum — Sim City. Heute werden solche Methoden Fanboyz Geld aus den Taschen zu leiern, als digitale Free-to-Play (but Pay-to-Win) Games konzipiert, am besten über Facebook. Dabei erreicht die Firma nicht nur einen größeren Markt — sieh’ es einfach ein, wenn du zu den Kartenspiel-Nerds gehörst, bist du eine vernachlässigbare Randgruppe — andererseits spielt wahrscheinlich sogar deine Oma das Avengers Facebook Game. Früher wäre so etwas ein Trading Card Game gewesen, möchte ich jetzt einfach mal behaupten. Der digitale Markt spart den kompletten Vertrieb und ködert die Leute durch das Free-to-Play-Model einfach effektiver. Durch den Abbau des Vertriebs sinkt das Risiko für die Firma. Auch wenn du und ich das vielleicht nicht so sehen, ist es Tatsache, dass es sozial einfacher ist zu begründen, warum du ständig deinen Freunden eine Einladung zu Farmville schickst, anstatt dich IRL mit Freunden zu treffen und Karten zu spielen. Darum gibt es jetzt auch demnächst ein neues Star Gate SG-1 mobile Game, wohingegen ich vom Star Gate Trading Card Game erst erfahren habe, nachdem es bereits wieder tot war.

Living Card Games sind aber ein gutes Konzept, um den vorhandenen Nischenmarkt an Hardcore-Gamern abzugreifen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist die Einstiegsbarriere viel geringer als bei einem Trading Card Game. Was Spieler anspricht, die bereits Magic als Hauptspiel zocken und noch ein Nebenspiel zur Abwechslung suchen. Denn ihr Zweitspiel wird kostenmäßig relativ überschaubar bleiben. Zweitens spricht das Spieler an, die bereits “in Rente gegangen sind”. Spieler, die ihre 20iger hinter sich, und jetzt andere Prioritäten haben — so langweilige Sachen wie Job und Familie — die aber dennoch gerne Mal ab und zu ein anspruchsvoller Kartenspiel mit Deckbau-Charakter spielen wollen. Für diese Leute sind die beiden oben angesprochenen Aspekte Zeit und Geld, weitaus wichtiger als für den Alleinstehenden. Ich schätze aber, dass ihr Bedarf an unterhaltsamen Kartenspielen genauso ausgeprägt ist, weshalb LCGs die ideale Alternative sind, um diesen Mark abzugreifen.

Der neue Trend

Es gibt immer mehr Firmen die dieses Konzept imitieren, aber der Marktführer unter den LCGs ist Fantasy Flight Games (in Deutschland durch Heidelberger Spiele vertreten). Dazu kommt Inner Kingdom Games die vor kurzem das alte Shadowfist mit Kickstarter aus der Versenkungen geholt haben, um es als Dynamic Card Came zu rebooten. Was quasi dasselbe All-In-The-Box-Konzept ist. Minus die markenrechtlichen Probleme, die damit kommen würden, es als LCG zu klassifizieren. Auch die Kartenspielvariante von Siedler hat seit Ewigkeiten einen Turniermodus, den sich Klaus Teuber von Magic abgeschaut hat, der auch daraufhin hinausläuft, dass jeder sein eigenes Deck baut. Dieses Spiel wurde 2012 unter “Die Fürsten von Catan” neu aufgelegt.

Die meisten Spiele dieser Sorte kommen aber weiterhin von Fantasy Flight Games. Angefangen mit der Neuauflage ihres ursprünglich als Sammelkartenspiel veröffentlichten: A Game of Thrones, dass seit 2007 als LCG weitergeführt wird. Dieses Spiel wurde Ende 2012 auch endlich auf den deutschen Markt gebracht. Dazu kommen weitere Spiele, die teilweise bisher nur auf Englisch erhältlich sind, wie etwa Warhammer: Invasion, Call of Cuthulu, Android: Netrunner und seit Kurzem Star Wars, das besonderes Aufsehen erregte. Ich habe bisher nur begrenzte Erfahrung mit ein paar dieser Spiele. Im Folgendenden will ich aber alle, die ich bisher näher kennengelernt habe, kurz vorstellen.

A Game of Thrones

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Game of Thrones ist das Spiel, das am nächsten an das klassische Magic rankommt. Du spielst jede Runde Kreaturen, die den Gegner angreifen. Anstatt, wie bei Magic, runter zu zählen, wird nach oben gezählt. Es gewinnt derjenige, der durch ungeblockte Angriffe zuerst 15 Power sammelt. Besonders interessant im Vergleich zu Magic ist der Kampf: Das ist so wegen der drei “Ebenen”, auf denen du angreifen kannst und dadurch, dass jede Runde neu bestimmt wird, welcher Spieler zuerst angreifen darf. Zum Blocken muss dein Gegner seine Kreaturen tappen, wodurch sie dich in diese Runde nicht zurück angreifen können. Dazu kommt, dass jede Kreatur eines oder mehrere von drei Symbolen besitzt, das anzeigt, auf welcher Ebene es angreifen kann. Jede der drei “Ebenen”: Militär, Intrige oder Macht hat neben dem Zugewinn von Power eine andere Auswirkung, falls der Angriff nicht geblockt wird. Diese Dynamik erhöht die Komplexität des Kampfes. Selten ist es so eindeutig wie bei Magic, welcher Angriff oder Block der optimale gewesen wäre, da Kreaturen durch normales Angreifen oder Blocken nicht getötet werden. Es ist ein Spiel, in dem geschicktes Angreifen viel stärker über den Ausgang des Spiels entscheidet, als man es gewöhnt ist.

Mein größtes Problem bei dem Spiel ist: Farben/Fraktionen sind extrem schwer zu mischen. Das schränkt ziemlich die Möglichkeit zum Deckbau ein und lässt nur wenige Innovationen Out-of-the-Box zu.

Android: Netrunner

ADN01Netrunner ist das zweite von Magic-Erfinder Richard Garfield entwickelte Sammelkartenspiel. Netrunner wurde jetzt mit dem Zusatz “Android” von Fantasy Flight Games als LCG neu aufgelegt und zeigt ein ungewöhnliches Spielkonzept. Anders als bei anderen Kartenspielen dieser Art, ist das Spiel nicht symetrisch. Beide Spieler operieren nach einem ganz eigenen Set von Regeln. Ein Spieler übernimmt die “Cooperation” und der andere den “Runner”. Während die Cooperation versucht eine Verteidigung aufzubauen und alle Karten verdeckt spielt, greift der Runner an und muss alles offen legen.

Netrunner ist so extrem anders als herkömmliche Sammelkartenspiele, dass es noch nicht mal einen neuen Begriff für Tappen™ erfinden musste. Es ist einfach nicht nötig in diesem Spiel Karten zu tappen. (Da die Markenrechte für diesen Begriff bei Wizards liegen, müssen wir uns seit fast 20 Jahren mit beugen, erschöpfen oder fokusieren rumschlagen.) Die Tatsache, dass er für Netrunner nicht einfach alles recycelt hat, zeigt einfach was für ein brillanter Typ Richard Garfield ist. Nachdem er das revolutionäre Spiel Magic: the Gathering erfunden hatte, blieben ihm sogar noch genug Ideen übrig für Netrunner. Die einzige Mechanik, die sich wiederholt: Deckbau. Aber da dies die größte Innovation im Gamingsektor war, seit Schach im 10. bis 12. Jahrhundert von Indien über Persien nach Europa exportiert wurde, möchte ich ihm das mal verzeihen.

Netrunner überzeugt vor allem durch zwei Sachen: Erstens ist seine Bluff-Mechanik eine gute Abwechslung. Zweitens besitzt es ein innovatives Farben-System, das es einerseits sehr leicht macht verschiedene Farben/Fraktionen zu mischen, was viele Möglichkeiten zum Deckbau eröffnet, andererseits aber dies nicht unbegrenzt zulässt. Jedes Deck kann für den Wert von 15 “Einfluss” Karten von anderen Fraktionen aufnehmen. Alle Karten haben einen Wert von 1-5, wobei besonders fraktionstypische Fähigkeiten hohe Einflusswerte haben. (Magic-Vergleich: Ein Counterspell hätte zum Beispiel eine 5, da dies eine sehr blaue Fähigkeit wäre.) Am Rande sei noch erwähnt, dass das Artwork und Kartendesign von Netrunner phänomenal sind!

Star Wars

SWC01Besonderes Aufsehen verursachte das Star Wars Game von Fantasy Flight Games. Vor allem als veröffentlicht wurde, dass nur eine Lizenz für die Teile vier bis sechs vorhanden ist. Ob das geplant war oder reines Glück, weil es zu teuer gewesen wäre eine Gesamtlizenz zu kaufen, bleibt nur zu mutmaßen. Die selbe Argumentation gilt auch dafür, dass das Spiel keine Fotos aus dem Film vorweisen kann, sondern gezeichnete Illustrationen. Fakt ist aber, dass genau dies dem Spiel ganz besonderes Flair auf den Karten beschert hat. Es ist eine ganz eigene Interpretation des Star Wars Universums entstanden.

Das Spiel richtet sich vor allem an Anfänger: Deckbau ist zwar vorhanden, aber extrem simplifiziert worden. Karten werden immer im Sechser-Set ausgewählt. 10 Sets = Deck. Das schafft Automatisch ein relativ gutes Verhältnis zwischen den einzelnen Kartentypen. Sorgt dafür, dass du eine “Kurve” vorweisen kannst und genug Ressourcen hast. Dieses Verfahren bringt zwar nicht immer perfekt abgestimmte Decks hervor, aber immerhin Decks die einigermaßen funktionieren. Dies ist perfekt für Einsteiger, mag aber den einen oder anderen Profi abschrecken.

Was mich vor allem zu dem Spiel gezogen hat, ist der versprochene Multiplayer-Modus, der bald per Expansion hinzu kommen soll. Er soll es ermöglichen One VS Two oder One VS Three zu zocken. Thematisch passend wird der Einzelspieler dabei die Dark-Side vertreten. Das ist vor allem nützlich, wenn du mal wieder nur drei Spieler auftreiben kannst, aber keinen Bock auf unübersichtliches Chaos-Multiplayer hast.

Die Fürsten von Catan

2010_fuersten-von-catan_rechts.pngDie Fürsten von Catan haben das typische German-Games-Problem: Es fehlt der Konflikt. Beide Spieler bauen relativ unbeeinflusst vom jeweils Anderen ihr Königreich auf. Wer zuerst genug Siegpunkte hat, gewinnt. Grundsätzlich ist es ein extrem gutes Spiel — zumindest für ein German-Game. Da mir persönlich Spiele ohne direkten Konflikt mit dem Gegner zu langweilig sind, hat es mich auf Dauer nicht begeistern können. Wer aber gleichzeitig auf Deckbuilding und Aufbauspiele steht, für den gibt es nichts Vergleichbares. Ich frage mich aber immer, ob es zwischen diesen Spielergruppen wirklich eine Schnittmenge gibt?

Shadowfist

playmatIch war begeisterter Shadowfist Spieler, als es noch ein CCG war, kann aber keine direkte Erfahrung mit der Neuauflage vorweisen. Da aber das Spiel dem Original extrem ähnlich geblieben ist — viele Karten wurden sogar 1:1 reprinted — möchte ich meine Erfahrungen mit dem Original Spiel kurz zusammen fassen.

Shadowfist ist eines der wenigen Spiele mit einem Chaos-Multiplayer-Modus, der nicht nur unterhält, sondern der One-VS-One-Variante überlegen ist. Warum das so ist, würde hier den Rahmen sprengen. Viel wichtiger ist aber, dass Shadowfist das Kartenspiel mit dem krudesten Humor ist, dessen Regeln extrem gut an den Flavour abgestimmt wurde. Da es ein Hong-Kong-Action-Style-Kartenspiel ist, kämpfen Charaktere in Reihenfolge gegeneinander, einer nach dem anderen, und Waffen (die wie Enchantments funktionieren) können grundsätzlich während des Kampfes gespielt werden (beziehungsweise werden überraschend von deinen Charakteren gezogen). Um auch alle Genres im Settings abdecken zu können, ist die Story hinter dem Game genau so realistisch, wie der Plot eines durchschnittlichen Michael-Bay-Filmes: Menschen, die wissen wie sie das Feng-Shui der Welt benutzen, können durch die Zeit reisen. Doch um die Vergangenheit oder Zukunft nachhaltig beeinflussen zu können, musst du Kontrolle über Orte erlangen, an denen das Feng-Shui besonders stark fließt. Du spielst eine von sechs Fraktionen, welche die Herrschaft über Welt und Zeit erlangen möchte. Deshalb treffen auch jegliche Filmgenres schamlos in Shadowfist aufeinander: Eunuchen-Zauberer aus dem alten China schicken ihre Dämonen in den Kampf gegen die gezüchteten, genmutierten Bestien von verrückten Wissenschaftlern aus dem Jahr 2056, wo die Welt unter orwellscher Oppression lebt. Die aus deren Laboren ausgebrochenen Affen haben ihre eigene Fraktion gebildet und wollen als wilde Guerillia-Krieger einfach alles undiskriminiert in die Luft sprengen. Die Karten featuren berühmte Actionfilm-One-Liner als Kartenname, wie etwa “Is that all you got?”, “Time to Kick Ass” oder “We know where you live” — selbst wenn dich das Spiel nicht mit seinem Regelsystem überzeugen sollte, wirst du, spätestens nachdem du die Illustrationen und die Flavortexte gesehen hast, zugeben müssen, dass es das Kartenspiel mit der ausgeprägtesten Selbstironie ist.

Probier’s einfach aus

Ich glaube die Zukunft des Gamings liegt in den LCGs. Wie bereits oben erwähnt, fehlt mir, desto älter ich werde, immer mehr die Zeit für Spiele wie Magic durch seinen Sammelkarten-Aspekt. Doch LCGs bleiben eine gute Möglichkeit weiter meinem Lieblingshobby zu frönen, ohne mich ständig ärgern zu müssen. Ich werde sicher nie aufhören Magic zu spielen. Aber Magic wird sich in Zukunft seine Zeit hart verdienen müssen, wenn immer mehr wirklich gute Alternativen auf den Markt kommen. Probier’ es doch einfach selbst aus, ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.

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