Nerd Meets Award: Der etwas andere Brettspielpreis des Jahres 2017

Das Jahr geht seinem Ende zu. Zeit, auf die wichtigsten Brettspiele des Jahres zurückzublicken. Aber eben nicht auf die Verkaufsschlager, sondern jene Titel, die sich wirklich einen Award verdient haben. Hiermit verleihe ich meinen etwas anderen Brettspielpreise für 2017. Der Nerd Meets Award in acht Kategorien.

Most Influencial Mechanic

Dice Forge

Dice Forge hat seinen zentrale Dicebuilding-Mechanik nicht erfunden. Ein LEGO-Designer hatte diese Idee bereits 2010 und bastelte damit eine Reihe von mittelmäßigen Kinderspielen. Doch die Entwickler von Dice Forge bauten daraus jetzt ein vollwertiges Brettspiel, bei dem die Seiten der eigenen Würfel nach und nach umgebaut werden können. Dice Forge hat vorgelegt, wie man es macht – blieb dabei aber ziemlich bodenständig. Ein wenig so wie damals, als Dominion das Deckbuilding massentauglich machte: Es könnte sein, dass Dice Forge eine ganze Ära des Dicebuilding einläutet. Das Spiel hatte 2017 zumindest die Mechanik mit dem meisten Potential.

 

Best Adaptation of a Videogame

SUPERHOT

Es gab 2017 viele Brettspiele, die ihr Vorbild in Videogames suchten. Meist waren das Miniaturenspielen, die darauf gesetzt haben, dass Fans des Originals sich gerne etwas Hübsches in den Schrank stellen wollen. Superhot hatte mehr Ambitionen: Es ist das minimalistisches Kartenspiel zum gleichnamigen, minimalistischen Indiegame. Und schaffte es tatsächlich, das Stop- and Go-Gefühl seines Vorbilds in einen Deckbuilder zu übertragen – der sich auch im übersättigten Markt der Deckbuildern noch frisch anfühlt. Superhot war 2017 die beste Brettspiel-Adaption eines Videospiels.

 

Best Storytelling

Arkham Horror: Das Kartenspiel

Was Arkham Horror dieses Jahr gezeigt hat: Es sind nicht Vorlestexte, die echtes Stoytelling in ein Brettspiel bringen. Ja, auch Arkham Horror hat lange, eher mittelmäßige Lesetexte. (Gamedesigner sind eben keine Romanautoren.) Was dem Spiel aber diesen Award eingebracht hat, ist etwas anderes: Kein Spiel machte es Spielern dieses Jahr so  leicht, ihre eigenen Geschichten zu finden. Denn die Details der Story entstehen durch die Karten und wie sie eingesetzt werden. Einzigartige Momente entstehen dann, wenn Spieler ihre Handlungen am Tisch beschreiben und ihnen Kontext geben. Dabei helfen die Namen, Illustrationen und Beschreibungstexte der Karten: Sie haben kecke One-Liner als Flavour-Text, die man einfach im richtigen Moment vorlesen kann. Oder so viele Details in den Bildern versteckt, dass sich die Persönlichkeit jedes Nebencharakters sofort erahnen lässt. Kein Spiel hatte 2017 so viel Storytelling zwischen den Zeilen wie Arkham Horror: Das Kartenspiel.

Mein Video-Review zu Arkham Horror: Das Kartenspiel

 

Most Ambitious Game that Failed

Imperial Assault: Legends of the Alliance

Vor über einem Jahr hat Fantasy Flight Games eine App für Imperial Assault angekündigt, die jetzt im Dezember erschienen ist. Sie machte den Dungeon-Crawler kooperativ – bis dahin musste das Imperium von einem Mitspieler gesteuert werden. Und mit dieser App bewies das Spielestudio viel Ambitionen. Denn Brettspiele mit App waren nach ihrem kurzen Hype 2015 wieder verschwunden. Nicht aber bei Fantasy Flight Games. Trotzdem leidet Imperial Assault unter denselben Problemen wie die App-Spiele der Konkurrenz: unübersichtliche Interfaces, mittelmäßige technische Umsetzung und ein Spieler muss ständig auf den Bildschirm starren. Dennoch: Fantasy Flight Games ist auf dem richtigen Weg. Und App-Spiele werden deshalb irgendwann zu ihrer wahren Größe finden. Seinen Preis hat Imperial Assault verdient, weil es wie die Rebellen in STAR WARS ist: Es hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Und das gilt auch für Fantasy Flight Games: Die Firma hat 2017 ihren Einsatz erhöht und ein eigenes Videospielstudio gegründet. Genau diese Ambition braucht der Brettspiele-Markt.

Mein Viedo-Review zu Imperial Assault

 

Most Stupid Inlay

Bärenpark

Es gibt noch immer viele Spiele mit schlechten oder billigen Inlays. Doch kein anderes Spiel zeigte dieses Jahr so wenig Liebe in diesem Bereich wie Bärenpark. Trotz seiner viereckigen Plättchen wurde es mit einem Inlay ausgeliefert, das die Schachtel in Dreiecke aufteilte. Wie das Foto zeigt, hat Bärenpark sich diesen Award wirklich verdient.

 

Biggest „Fuck you“

STAR WARS: Legion

Jahrelang haben Fans von Imperial Assault ihre Figuren angemalt – hunderte von Stunden in ihre Sammlung investiert. Auch ich war völlig begeistert, als es ein zweites Miniaturen-Spiel von Fantasy Flight Games im STAR-WARS-Universum angekündigt wurde. Doch diese Meldung entwickelte sich schnell zum größten „Fuck you“-Moment des Jahres, als klar wurde, dass die Figuren beider Spiele nicht kompatibel sein würden. STAR WARS: Legion-Figuren waren einfach größer (und auch schöner). Weil ich kein zweites Mal 20 fast identische Stormtrooper anmalen möchte, hat sich Legion diesen Award redlich verdient.

 

Most Rushed Game

Netrunner: Terminal Directive

Viele Publisher wollten dieses Jahr am Trend der Legacy Games teilnehmen. Bei der Netrunner Erweiterung Terminal Directive läst sich leicht erahnen was dabei schief gehen kann: Hier wurde vermutlich eine bereits fertige Expansion noch schnell zum Legacy Game umgebaut. Das größte Problem dabei: Es gibt weder bei den Mechaniken, noch bei den Illustrationen oder dem Storytelling eine Verbindung zwischen den regulären Karten der Erweiterung und dem Legacy-Teil des Spiels. Beide scheinen völlig losgelöst zu sein. Dazu kommt, dass das bekleben von Karten und Spielmaterial sich stets aufgesetzt und unnötig anfühlt – das hätte man auch ohne Sticker lösen können. Kein Spiel war dieses Jahr so offensichtlich unfertig wie Terminal Directive.

Craziest Theme

Fog of Love

Fog of Love ist ein gefährliches Spiel. Es verwischt die Grenzen zwischen Rollenspiel und Realität. Es will eine Liebesgeschichte als Brettspiel darstellen. Jede Runde müssen die zwei Spieler eine heimliche Entscheidung treffen – eine äußerst intime Frage über ihre fiktive Partnerschaft beantworten. Während die meisten Brettspiele noch immer dieselben Mittelalter- oder Fantasy-Themen bedienen, schlug Fog of Love eine Richtung ein, die einzigartig auf dem Markt ist. Das Thema von Fog of Love ist verrückt – zumindest für ein Brettspiel – aber ebenso brillant.

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