Nerd Meets Award: Der etwas andere Brettspielpreis des Jahres 2018

Brettspiel-Designer versuchen sich jedes Jahr an innovativen Ideen, ambitionierten Mechaniken – oder einfach an der tausendsten Workerplacement-Variante. Um all diesen Neuheiten gerecht zu werden, verleihe ich wie bereits im Jahr zuvor meinen etwas anderen Brettspielpreis. Der Nerd Meets Award 2018 in acht Kategorien.

Best Mash-up

Shadows: Amsterdam

Obwohl Shadows: Amsterdam an einer Stelle komplett versagt hat – nämlich der Wahl seines Namens – muss ich ihm einfach Respekt zollen. Das Spiel, das meine verwirrten Mitspieler meist als Shadows over Amsterdam oder Shadows of Amsterdam bezeichnen, hat etwas geschafft, das mir unmöglich schien: Es warf Mysterium sowie Codenames zusammen, und erschuf ein Brettspiel, das nicht einfach nur schlechter ist als seine Vorbilder. Bei Shadows (ich weigere mich im Folgenden den Untertitel zu benutzen) spielt man eine Feldmaus auf einem Mofa, die von Bild zu Bild durch eine Stadt aus Hexfeldern düst, um das zu tun, das eben Geheimagenten so tun. Meine Vermutung ist, dass du ein Hitman bist und diese Tatsache nur verschleiert wurde, um sich nicht für den Spiel des Jahres Preis zu disqualifizieren.

Kurze gesagt: Es ist besser Shadows zu kaufen, als die 10. Variante von Codenames, die sich dann doch fast gleich spielt. Und nur fürs Protokoll: Codenames Munchkin. Meine Prognose für die Messe Spiel 2019.

Best Tokens

Keyforge

Das Unique Game Keyforge von Designerlegende Richard Garfield mag noch so innovativ und brillant sein, Fantasy Flight Games hat beim Grundspiel komplett versagt. Denn wer es gekauft hat, wird sich später ärgern.

Dass viele Spieler den Starter von Keyforge nicht kaufen würden, muss wohl auch die Marketingabteilung von Asmodee Deutschland und UK geahnt haben. Auf Facebook fragten sie ihre Fans nach den besten Proxy-Tokens für das Spiel. Außerdem war es schon etwas auffällig, dass die Firma von ihrem Hype-Spiel des Jahres so wenige Grundspiele gedruckt hatte, dass sie am Tag des Releases ausverkauft waren – während die Einzeldecks weiterhin verfügbar waren. Vielleicht ahnte da bereits jemand im Vertrieb, dass viele Leute direkt ohne Grundspiel einsteigen würden.

Egal! Alles was du für Keyforge brauchst, sind zwei zufällige Decks für je 10 Euro. Und ein paar Münzen, Tokens oder Papierschnipsel. (Zwei der vier Kartenstapel aus dem Grundspiel waren vorkonstruierte Demodecks. Also eine ziemliche Enttäuschung für ein Produkt, das damit wirbt, dass „jedes Deck einzigartig ist“.)

Einen Award bekommt Keyforge dennoch. Weil es bisher kein Spiel gibt, dessen Fans solch diverse und kuriose Tokens verwenden, um es zu spielen. Die Tokens in einer durchschnittlichen Partie Keyforge sind ein Flickenteppich – ähnlich wie die Hintergrundstory des Games. Keyforge zeigt also in beiden Fällen: Das Leben und das Spiel sind verwirrend und chaotisch. Aber das macht nichts. Das Ergebnis kann trotzdem gut sein.

Most Courageous Rulebook

Keyforge (again)

Ein Hype-Spiel muss auch zwei Awards abräumen! Logisch. Denn das mutigste an Keyforge ist nicht, dass jedes Deck einzigartig ist. Sondern, dass das Spiel ohne Regeln ausgeliefert wurde. Die gab es nur online. Ich kann also hier nur eine Warnung aussprechen: Kauft nicht das Grundspiel von Keyforge. Außer ihr seid bereit, 20 Euro für ein paar Papptokens zu bezahlen. Ihr bekommt nicht mal ein Regelbuch in der Box.

Dennoch besitzt ein digitales Regelbuch ein potentiell spannendes Versprechen: Richard Garfield könnte jederzeit die Regeln seines Spiels ändern, ohne Neueinsteiger oder Anfänger zu verwirren. So könnten ganze Grundkonzepte des Spiels nachträglich verändert werden – wenn nötig. Um ihre Langlebigkeit zu fördern, sollten in Zukunft alle Brettspiele so ausgeliefert werden.

Best Game Simulating Work

Das Feuer in Adlerstein

Auch wenn viele Spiele ihr Thema aus der Arbeitswelt suchen – zum Beispiel Funemployed oder Men at Work – gibt es wenige, die sich tatsächlich wie Arbeit anfühlen. Bei Das Feuer in Adlerstein musst du Akten wälzen, Zeitpläne abgleichen, Tabellen auswerten und Menschen auf Facebook stalken. Alles Tätigkeiten typischer Bürojobs. Es ist also das perfekte Spiel für Menschen, die im Alltag körperliche Arbeit verrichten und dringend Abwechslung suchen. Die Packung verspricht ein packendes Detektivabenteuer, in Wahrheit fühlen sich Spieler jedoch eher an, als wärst du Mitarbeiter einer Versicherung, der versucht aufzuklären, wer jetzt den Schaden bezahlen muss. Für diese brillante Simulation, die näher nicht an der Realität sein könnte, hat das Spiel seine Auszeichnung redlich verdient.

Best Marketing

Discover

Kein Spiel regte meine Phantasie 2018 so an wie Discover. Es versprach eine Box voller Abenteuer, mit einer Welt, die es zu entdecken galt. Unendliche weiten. Keine Schachtel wie die andere. Millionen individuelle Inseln, die alle ihre eigene Geschichte erzählen würden: Ein Unique Game wie Asmodee sein Produkt nannte. Ein guter Name und ein brillanter Schachzug. Denn nichts lässt sich besser vermarkten als Träume. Nichts über den Inhalt der Boxen zu verraten und das Produkt pünktlich zur Internationalen Spielemesse im Oktober rauszubringen, heizten den Hype dann weiter an. Egal ob du Discover gut oder schlecht findest, es war ein Marketingcoup. Und dafür hat es sich den Preis verdient.

Best Meepel

Spirit Island

Foto: Martina Fuchs (von FUX&BÄR)

Es gibt bereits zahllose Eurogames, die sich mit der Kolonisation einer neuen Welt beschäftigen. Die Darstellung der indigenen Bevölkerung rangiert dabei oft von grenzwertig naiv über historisch verklärt bis rassistisch. Kein Brettspiel umschifft das Thema jedoch so elegant wie Spirit Island. Während die stereotypen Pioniere spanische Konquistador-Hüte tragen, werden die Eingeborenen der Insel durch beige, unförmige Meepel dargestellt, die am entferntesten noch an Pilze erinnern. Eine Debatte über die möglicherweise problematische Darstellung wird so verhindert – indem die betroffenen Menschen überhaupt nicht gezeigt werden. Für diese strategische Meisterleistung hat sich der Verlag Greater Than Gameswirklich einen Award verdient.

Best Boardgame for the Nintendo Switch

Into the Breach

Screenshot: Subset Games

Mehr und mehr Verlage haben 2018 Adaptionen ihrer Spiele für PCs, Konsolen und Smartphones rausgebracht. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wohl Wizards of the Coast mit Magic: The Gathering Arena und Asmodee, die ein eigenes Gamesstudio gegründet haben, um so ziemlich das ganze eigenen Portfolio zu digitalisieren. Doch keines dieser Produkte wurde seinem Vorbild gerecht. Am Ende machen Brettspiele doch mit echten Menschen am meisten Spaß. Es musste erst eine Videospielefirma diesem Thema annehmen, damit ein Titel geschaffen wurde, der auf eigenen Füßen steht.

Into the Breach wird auf einem Schachbrett gespielt. Die eigenen Figuren müssen strategisch positioniert und bewegt werden. Es gibt wenig Glück. Jede Entscheidung wird ohne Zeitdruck getroffen. Into the Breach ist also de facto ein Brettspiel. Und besser als jede Brettspiel-Digitalumsetzung in 2018.

Most Adult Game

Der Herr der Träume

Ein harter Mitbewerber für diese Kategorie war 2018 auch das PornHub-Kartenspiel Red Light: A Star is Porn. Doch weitaus erwachsener als billige Schmuddelbilder sind echte Gefühle. Wie sie etwa in dem vermeintlichen Kinderspiel Der Herr der Träume verarbeitet werden. Denn tatsächlich beschäftigt sich das neue Brettspiel von Maus-&-Mystik-Erfinder Jeremy Hawthorn mit negativen Kindheitserlebnissen. Und nach jeder Partie sollen die Mitspieler dann über ihre eigenen reden. Zum Beispiel darüber, was ihnen als Kind am meisten Angst gemacht hat. Das Game fordert die Menschen am Tisch dazu auf, über ihre eigenen Traumata und Ängste zu sprechen. Der Herr der Träume zeigt, dass Brettspiele tatsächlich erwachsen geworden sind. Und dafür hat es eine Auszeichnung verdient.

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